Radio-Comedy

Chapter
Part of the Journalistische Praxis book series (JP)

Zusammenfassung

Unter Comedy verstehen die Radiomacher heute eigentlich alles, was lustig ist im Programm. Mit »Radio‐Comedy« wurde der Humor im Radio nicht neu erfunden. Sketche, Parodien und Blackouts, gespielte Witze, Szenen, Telefonscherze, fiktive Typen und Stimmchargen gibt es schon lange im Radio. Aber das Tempo der Stücke zwischen wenigen Sekunden und zwei Minuten ist schneller, die Produktionsweise durch digitale Schnitttechnik kleinteiliger geworden, vor allem sind hörfunkspezifische Formen hinzugekommen, die sich an journalistische Beiträge des Programms anlehnen.

»Getürkte« Interviews. Darin kann man mit erfundenen Gesprächspartnern in erfundenen Situationen die Wirklichkeit parodieren, grotesk verzerren, »eins draufsetzen«. Das sind oft szenische Satiren.

Die O‐Ton‐Collage (vgl. dort) bietet die Möglichkeit, Versatzstücke von realen Reden, Gesprächen und Diskussionsbeiträgen auf wirkungsvolle, sehr suggestive Weise neu anzuordnen. So lässt sich aus einer hitzigen Haushaltsdebatte im Bundestag durch Sampling, also dem Herauspicken einzelner Wörter und deren schnelle Wiederholung, durch besonderen Schnitt und eine unterlegte Instrumentalmusik ein unterhaltsames Stück bauen. Dies ist eine genuine Hörfunkform irgendwo zwischen Sprechmotette, Rap oder Collage, die dazu noch die Möglichkeit bietet, durch Betonung, Wiederholung und Verstärkung das Geschehene zu kommentieren, zu glossieren oder ins Lächerliche zu ziehen (vgl. Beitrag »Glosse«).

Unter Comedy verstehen die Radiomacher heute eigentlich alles, was lustig ist im Programm. Mit »Radio‐Comedy« wurde der Humor im Radio nicht neu erfunden. Sketche, Parodien und Blackouts, gespielte Witze, Szenen, Telefonscherze, fiktive Typen und Stimmchargen gibt es schon lange im Radio. Aber das Tempo der Stücke zwischen wenigen Sekunden und zwei Minuten ist schneller, die Produktionsweise durch digitale Schnitttechnik kleinteiliger geworden, vor allem sind hörfunkspezifische Formen hinzugekommen, die sich an journalistische Beiträge des Programms anlehnen.

»Getürkte« Interviews.

Darin kann man mit erfundenen Gesprächspartnern in erfundenen Situationen die Wirklichkeit parodieren, grotesk verzerren, »eins draufsetzen«. Das sind oft szenische Satiren.

Die O‐Ton‐Collage

(vgl. dort) bietet die Möglichkeit, Versatzstücke von realen Reden, Gesprächen und Diskussionsbeiträgen auf wirkungsvolle, sehr suggestive Weise neu anzuordnen. So lässt sich aus einer hitzigen Haushaltsdebatte im Bundestag durch Sampling, also dem Herauspicken einzelner Wörter und deren schnelle Wiederholung, durch besonderen Schnitt und eine unterlegte Instrumentalmusik ein unterhaltsames Stück bauen. Dies ist eine genuine Hörfunkform irgendwo zwischen Sprechmotette, Rap oder Collage, die dazu noch die Möglichkeit bietet, durch Betonung, Wiederholung und Verstärkung das Geschehene zu kommentieren, zu glossieren oder ins Lächerliche zu ziehen (vgl. Beitrag »Glosse«).

Form‐Parodien.

Man lehnt sich an die Originalform an, gibt ihr aber einen neuen Inhalt oder Ausdruck. Das geht mit einem wohlvertrauten Volkslied in Melodie und Text ebenso wie bei Gedichten von Klassikern (Goethes Erlkönig oder Schillers Glocke), bei Schlagertexten, Kinderliedern, Abzählversen oder Werbespots, Slogans und Claims. Das alles lässt sich sehr wirkungsvoll parodieren und variieren, weil die Vorbilder so vielen Hörern bekannt sind und die überraschende Variation von Vertrautem so viel Spaß macht. Manche Parodie auf eine besonders lästige, suggestive Werbung empfinden wir als geradezu befreiend, wenn uns die Spots durch ihre Häufigkeit und durch ihren appellativen Charakter auf die Nerven gehen. Allerdings sollte die formale Gestaltung solcher Comics, die auf eine Werbeparodie hinauslaufen, normalerweise nicht hinter der professionellen Qualität der Werbung zurückstehen.

Stimm‐Parodien

sind ebenso zu einem ganz eigenen Gebiet der Radiounterhaltung geworden. Einen Promi so sprechen zu lassen, wie er klingt, ihm aber einen höchst überraschenden, anderen Text zu verpassen, der die Tagesaktualität auf kuriose Weise kommentiert, ihn aussprechen lässt, was er vermutlich denkt (aber nie sagen würde) oder die Kritik auf den Punkt bringt – das kann hohe Radiokunst sein. Vollendeter wird sie noch, wenn die parodierten Prominenten nicht nur nachgeäfft werden, sondern zu ganz neuen Comic‐Helden heranreifen. Klinsmään (Klinscämp, SWR3) oder Superschrödermään (SWF3, WDR) waren eigenständige Comic‐Helden, deren Serien viele Monate oder Jahre liefen.

Blackouts, Oneliner, Punchlines und Sidekicks

sind gerne gesendete Minicomics. »Blackout« kommt aus der Bühnensprache, hergeleitet aus der Technik, das Bühnenlicht nach der Pointe schlagartig zu löschen. Alle genannten Bezeichnungen meinen heute im Grunde kleine pointierte zweiteilige Konstruktionen, in denen
  • der erste Teil den (realen oder erfundenen) Fakt, die Nachricht bringt,

  • der zweite Teil den witzigen Kommentar dazu, den Weiterdreh, die überraschende Schlussfolgerung. Beispiel:

Zu wütenden Protesten gegen die Ausweitung der Tempo‐30‐Zonen kam es heute in Baden‐Baden. Die meisten Einwohner der von Rentnern und Pensionären bewohnten Stadt wollen gar nicht so schnell fahren …

Viele Morningshows bestreiten diese Gags mit eigenen Einfällen oder aus Zulieferungen von nachtaktiven Pointenschreibern, die sich den Stoff dafür im Internet aus den Online‐Angeboten von Zeitungen und Agenturen holen.

Der gespielte Witz

gehört nicht zum schlechtesten Comedy‐Repertoire, obwohl er sicherlich die kleinste kreative Leistung darstellt: Eine Witze‐Sammlung, etwas Spielfreude und ein paar Geräusche genügen als Zutaten für die Produktion. Der Witz beim gespielten Witz liegt dann in der Art, wie er gebracht wird. Gespielte Witze in Dialogform tauchen oft auch in Doppelmoderationen auf.

In Comedys soll sich der Zeitgeist, die Realität widerspiegeln.

Ihr Bezug zur Erlebniswelt muss aktuell sein und den Hörer dort abholen, wo er sich im Alltag befindet. Die in ihnen handelnden Gestalten sollen einen nachvollziehbaren Erlebnishintergrund haben. Am besten sind es Typen aus der Galerie des Alltags, täglich gepflegt und aktualisiert von ihren Autoren. Zum Beispiel: der schnöselige Chef, der handfeste Hausmeister, der gewitzte Taxifahrer mit Migrationshintergrund. Ihnen lassen sich ganze Themenfelder zuweisen, sie werden zu Kultgestalten von Radioprogrammen, zu regelrechten Identifikationsobjekten. Gut gezeichnete Charaktere und Typen haben eine klare Biografie, sie bleiben sich treu, ihr Denken, ihr Sprechstil, ihre Argumentationsweise darf nicht täglich neu erfunden werden.

Jeder gute Comic erzählt eine Geschichte,

und gute Geschichten haben Hand und Fuß. Sie bieten eine Orientierung, sagen klar, was da von wem, wo, wie, wann und warum erlebt wird. Der Hörer muss gesagt kriegen, welche Tatsachen welche Entwicklungen zur Folge haben. Die Wirkung verstärkt sich durch standardisierte Abläufe, refrainartige Wiederholungen. Sie werden zum vertrauten Hörerlebnis, ihre Versatzstücke tauchen in der Alltagssprache der Hörer auf, am Ende spricht man von »Kultcomics«, die ihre große Fangemeinde haben und, als CDs auf den Markt gebracht, in erstaunlichen Stückzahlen verkauft werden oder erstaunliche Downloads bringen (vgl. Beitrag »Programm‐Promotion«).

Die Stimme: durchs Ohr direkt ins Gehirn.

Jeder Hörer empfindet den Klang einer Stimme ganz individuell und entwickelt zu ihr eine Beziehung, hat seine persönliche Vorstellung von den handelnden Typen in einer Szene oder Serie im Radio. Einprägsame Stimmtypen sind fürs Radio ein Kapital. Das lässt sich noch vermehren, wenn man die Kunst beherrscht, diese Stimme zu variieren, zu chargieren, zu parodieren. Mancher Witz, manche Groteske, viele Comics wären nur halb so gut, wenn sie nicht in unverwechselbarer Weise gesprochen wären. Dies ist ein wichtiger Teil von Radiokunst. Nicht jeder ist ein begnadeter Parodist und hat jene ganz spezielle Musikalität, die dazu nötig ist, einen bestimmten Stimmklang, Sprach‐ und Sprechgestus zu imitieren, zu parodieren oder persiflieren – aber weitaus die meisten Autoren und Sprecher können in dieser Beziehung dazulernen. Dabei spielt die Authentizität meist die wichtigste Rolle. Wer zum Beispiel mit Dialekten arbeitet und diese nicht genau trifft, wird in der entsprechenden Gegend, in der der Dialekt gesprochen wird, zwangsläufig Verwirrung und Ablehnung ernten.

Durch Geräusche

werden beim Hörfunk‐Comic grundlegende szenische Informationen geliefert. Ein alltäglicher Kunstgriff, dessen man sich immer wieder bewusst werden muss: Straßenatmo mit Martinshorn knipst sofort ein Bild im Kopf an, über das nichts gesagt zu werden braucht, ebenso Hühnergackern und Kühemuhen oder Bachgluckern und Vogelgezwitscher mit Waldesrauschen. In diese Hörszenerie hinein können wir handelnde Personen stellen und durch deren Sprechtexte in wenigen Sekunden klar machen, was abläuft. Wobei man die Realität wieder brechen und durch Verwendung von Comicsprache auf eine andere Ebene heben kann. Wenn man den Originalton aus dem Archiv oder von der Geräusch‐CD für zu realistisch hält oder mit dem Stilmittel der phonetisch nachahmenden Comicsprache eine andere Wirkung beabsichtigt, kann man beispielsweise das Hörbild »Hühnerhof« mit dem Text Gacker, Gacker, Goook, Goook und Kikerikie herstellen.

Ein auf den Inhalt bezogenes logisches Tempo

müssen die Szenen haben. Ist der Inhalt kurz, besteht er nur aus einem Kalauer, einem Wortspiel, so darf die Szene auch nur einige Sekunden dauern. Jedes Hinausziehen muss vom Inhalt und vom Verlauf her zu begründen sein.

Einen wirkungsvollen Schluss

muss Comedy haben. In der Regel ist das eine gute Pointe. Die stärkste aller Pointen im Verlauf des Stückes sollte am Schluss stehen. Beim Schreiben stellt man gelegentlich fest, dass die beste Pointe, der wirksamste Gag in einem Beitrag schon »verbraten« wurde – dann kann man den Text noch umstellen. Der Hörer kennt ja nicht das Ausgangsmaterial, er weiß nicht, was der Autor weggelassen hat, weil es weniger wirkungsvoll ist. Wenn der Text, die Szene durch reifliches Nachdenken des Autors optimal zugespitzt wurde, ist das Lachen über den richtigen Schluss, die richtige Pointe der Lohn für die Mühe. Je überraschender und kurioser, umso wirkungsvoller.

Lachstoff ist leicht zu haben.

Die täglichen politischen oder gesellschaftlichen Ereignisse sind ergiebige Steinbrüche für Lachstoff. Wie kommt der Kanzler/die Kanzlerin mit dem Koalitionspartner zurecht? Was passiert im Trainingscamp der Fußball‐Nationalmannschaft?

Für den Sucher nach Lachstoff

ist in den letzten Jahrzehnten ein weiteres Erfolg versprechendes Fund‐ und Erkundungsgebiet hinzugekommen: das Universum der Unterhaltung in sämtlichen Medien, vor allem aber das überquellende Angebot an Fernsehunterhaltung. Aus TV‐Sendungen sind Muster, Typen, Darstellungsweisen so sattsam bekannt, dass sich mit ihnen erfolgreich spielen lässt, ihre Parodie oder Veralberung schon fast zum Volksvergnügen wird. Dazu gehören Spielshows, Talkshows, Sportübertragungen mit dem charakteristischen Sprechstil bestimmter Sportreporter, aber auch ganze Gattungen – wie der Actionfilm, der Fernsehkrimi, die Ärzte‐ oder Krankenhausserie, die Familien‐Soap, die Casting‐Show; sogar Diskussions‐ und Nachrichtensendungen sind als Fundstätten für Lachstoff nicht ausgeschlossen. Auch Boulevardzeitungen bieten fast jeden Tag eine Fülle von Stoff, der sich unterhaltend variieren lässt.

Comedy muss schnell sein.

Die glossierende, kommentierende oder parodierende Verarbeitung solcher Stoffe noch am Tage selbst (in oft weniger als einer Stunde für die folgende Sendung) ist eine ureigene Aufgabe des aktuellen und schnellen Mediums Radio geworden. Das ist eine Qualität, die dem Radio niemand streitig macht, aber auch schon fast eine Verpflichtung für Radio‐Journalisten, die erkannt haben, dass dies zur Orientierung im Meldungsdickicht und zur Vervollständigung von Meinungsbildern nützlich ist.

Was ist komisch?

Überraschende Wendungen, Brüche der Logik, Wortverdrehungen, Stilbrüche, Nonsenskonstruktionen können komisch sein. Komisch ist es auch, wenn bekannte Muster neu angeordnet werden, wenn eine Erwartungshaltung erzeugt wurde, die auf überraschende Weise enttäuscht oder bedient wird: Reden ist Schweigen, Silber ist Gold.

Komisch ist der überraschende Bruch einer Serie, komisch ist die Übertragung von Bekanntem auf Unbekanntes, komisch sind skurrile, groteske, übertriebene, ungewöhnliche Situationen und Konstellationen. Komisch kann die pure Verlangsamung oder Beschleunigung einer Situation, eines Ablaufes sein. Komisch ist es manchmal, wenn uns ein Spiegel vorgehalten wird und wir mit den eigenen Ansichten, Reaktionsweisen und Verschrobenheiten konfrontiert werden.

Wie lange ist etwas komisch?

Nicht lange. Alles hat seine Zeit. Das gilt auch für die Comedy. Was an ihr heute neu, aufregend und spannend wirkt, ist morgen gewohnt, weniger strahlend und möglicherweise sogar langweilig. Oft werden in einer Morningshow von drei Stunden drei verschiedene Episoden der gleichen Serie gesendet, die dann den Tag über auch noch wiederholt werden. Je öfter wir damit solch einem Element begegnen, umso vertrauter werden wir zwar mit ihm, das Erlebnis der Comic‐Serie macht es aber nicht frischer. Durch den intensiven Einsatz aktueller Comedy‐Serien tritt der Abnutzungs‐ und Gewöhnungseffekt heute sehr viel schneller ein.

Geschmackvoll oder geschmacklos?

– Geschmacksfrage! Humor funktioniert sehr oft auf Kosten anderer. Und obwohl man seinen Humor beweisen soll, indem man trotzdem lacht – als Betroffenem bleibt einem das Lachen oft im Halse stecken, während die anderen sich vor Lachen biegen. Das ist menschlich. In diesem Sinne sind wir sicher oft weit von christlicher Nächstenliebe entfernt, wenn wir lachen. Nur so kann aber zynischer Humor, schwarzer Humor funktionieren. Wer gerade einen nahen Verwandten verloren hat, der wird einen Witz zum Thema Trauer, Tod und Sterben ganz anders erleben als einer, dessen Gefühlslage in dieser Beziehung augenblicklich neutral ist. Aber als Radiomacher kann man nicht wissen, in welcher Situation ein Hörer gerade ist. Deswegen erscheint da eine gewisse Zurückhaltung klug. Das gilt auch für Ausdrücke aus dem menschlichen Intimbereich oder die beliebten Telefonscherze, die streng genommen bei uns rechtlich nicht zulässig sind. Vor allem aber kann es tragische Folgen haben, jemanden öffentlich zu blamieren. Der Tod einer britischen Krankenschwester nach dem Telefon‐»Scherz« eines australischen Radiosenders sollte zur Besonnenheit und Abwägung mahnen: Ist es ein Jux wert, solche Folgen zu riskieren? (vgl. Beiträge »Medienrecht für Radio‐Journalisten« und »Ethische Standards für die Radio‐Arbeit«).

Radio für ein breites Publikum ist eben etwas anderes als Comedy im Saal, als eine Gagshow für zahlendes Publikum über einer bestimmten Mindestaltersgrenze. Andererseits sind gerade solche Tabuzonen lockende Biotope für jede Art von Gags, Pointen oder Witzen. Doch dies sind, wie gesagt, Geschmacksfragen, über die je nach Zeitgeist und Zuhörerkreis ganz unterschiedlich geurteilt wird.

Weiterführende Literatur

  • Dachselt, Rainer, Schwarz, Ingo, Spang, Stefan, Radio‐Comedy (Konstanz: UVK, 2003).

Weiterführende Web‐Links

Mehrere ö.‐r. und private Radio‐Sender bieten Comedy‐Produktionen auch in ihrem Web‐Auftritt an, z. B.:

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Baden-BadenDeutschland

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