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Demokratie als Ziel und Mittel der Erziehung? Paradoxien, Perspektiven und Grenzen demokratischer Erziehung

  • Stefan WeyersEmail author
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Zusammenfassung

Demokratiepädagogische Konzepte erleben seit einigen Jahren einen Aufschwung, wobei Demokratie als Lebensform und Kerngeschäft von Schule und Erziehung hervorgehoben werden. Zweifellos bedarf eine demokratische Staatsordnung einer entsprechenden Erziehung, Dissens besteht hingegen darüber, auf welche Weise dies zu erreichen ist. In dieser Frage steht die Demokratiepädagogik in Spannung zur Politikdidaktik, letztere setzt auf Wissensvermittlung, während für erstere das Erfahrungslernen charakteristisch ist.

Die Demokratiepädagogik wird anhand unterschiedlicher, vor allem reformpädagogischer Konzepte kontrastiv beleuchtet. Dabei treten mit der Selbstbestimmung und der schon von Kant hervorgehobenen Dialektik von Selbst- und Fremdbestimmung zwei zentrale Themen in den Fokus, die auch die wesentlichen Differenzen der Konzepte verdeutlichen. Aufgezeigt wird, dass letztlich überall seitens des Lehrpersonals gesteuert wird und die Idee der Selbstbestimmung zuweilen in fragwürdigen, täuschenden Ausgestaltungen umgesetzt wurde. Die Dialektik von Selbst- und Fremdbestimmung wird von den Konzepten in ganz unterschiedlichen Graden reflektiert. Die Kontrastierung erlaubt die Explikation wichtiger Elemente demokratischer Erziehung.

Zentral für die demokratiepädagogischen Konzepte ist die Aneignung von Demokratie durch Erfahrung. Dem Argument, dass die pädagogische Fokussierung auf Demokratie als Lebensform der späteren Realisierung auf der Systemebene sogar abträglich sei, wird entgegengehalten, dass Erfahrungen der Rollen- und Verantwortungsübernahme einen Entwicklungsstimulus für eine differenzierte Urteilsfähigkeit darstellen. Es sei daher nicht produktiv Wissensvermittlung und Stimulation der kognitiv-strukturellen Entwicklung gegeneinander ins Feld zu führen.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Johannes Gutenberg-Universität MainzMainzDeutschland

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