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Bildung zwischen Schmalz und Schwulst

  • Roland ReichenbachEmail author
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Zusammenfassung

Mit dem Phänomen des Kitsches wird der Blick auf eine anthropologische Konstante gelenkt, in ihm kommt der Wunsch zum Ausdruck, den Zumutungen exzentrischer Positionalität (Helmuth Plessner) zu entkommen. Es geht um den Abbau von Differenz, wodurch der Kitsch eine zentrale schützende Funktion für Selbstbildungsprozesse übernimmt. Doch trotz der abwehrenden Funktion des Kitsches, dessen zentrale Formen mit Schmalz und Schwulst differenziert werden, gehört zum Wesen der Bildung die Akzentuierung von Differenz. Vor diesem Hintergrund wird das Aushalten von Differenz, Irritationsbereitschaft als Kriterium von Bildung insbesondere des modernen Menschen hervorgehoben.

Von hier ausgehend wird eine wesentliche Spannung demokratischer Lebensformen herausgearbeitet. Fordern diese aufgrund ihres freiheitlichen Charakters also auf der einen Seite wesentlich eine Toleranz gegenüber Selbsttäuschungen, so setzen sie andererseits gleichzeitig auch die Bereitschaft voraus, die Selbstinterpretationsgewohnheiten der Irritation auszusetzen. Mit diesem Recht auf Selbsttäuschung wird der experimentelle Charakter der demokratischen Lebensform unterstrichen. Mit diesem muss jedoch gleichzeitig auch eine korrespondierende Pflicht zur Selbstirritation übernommen werden. Mit bildungstheoretischem Fokus wird anhand des universalen Phänomens des Kitsches also eine in demokratischen Lebensformen sich steigernde widersprüchliche, nicht auflösbare Einheit von Selbsttäuschungstoleranz und Irritationsbereitschaft herausgearbeitet.

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Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014

Authors and Affiliations

  1. 1.Universität ZürichZürichSchweiz

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