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Methodologische Reflexivität oder die Reflexion der Methode?

  • Yeşim Kasap Çetingök
Part of the Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialpsychologie book series (FBZSUS)

Zusammenfassung

Der Begriff Reflexivität wird in der jüngeren sozialwissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Diskussion in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet. Das weit verbreitete Verständnis der methodologischen Reflexivität weist auf Fähigkeiten des Beobachtens und Darstellens hin und mündet in dem Appell, sich der eigenen Wahrnehmungs-, Denk- und Bewertungsmuster sowie des eigenen Erlebens und Handelns als Forschende bewusst zu werden und Selbstaufmerksamkeit, Sensibilität, Empathie sowie Reflexionsbereitschaft zu entwickeln. Im vorliegenden Beitrag wird die methodologische und metatheoretische Reflexivität nicht in Bezug auf die Forschungssubjekte, sondern hinsichtlich der Explizierung und Erweiterung der methodologischen Annahmen am Beispiel der Konversationsanalyse diskutiert. Die Reflexion der konversationsanalytischen Vorgehensweise durch die Systemtheorie, wie sie von Hausendorf unternommen wird, ermöglicht, die Gespräche zum Übergang in die weiterführenden Schulen als geschlossene Interaktionssysteme zu konstruieren und hinsichtlich der Widerspiegelung von Makrostrukturen bzw. in Hinblick auf die Frage zu beobachten, wie diese als Wissensbereiche von Akteuren in Anspruch genommen werden. Solchen methodologischen Prämissen kommt eine besondere Bedeutung zu, wenn es sich zu diesem Beispiel um die Verteilung von Bildungschancen im Kontext des professionellen Handelns in der Organisation Schule handelt. Die Ergebnisse solcher Beobachtungen haben als Reflexionswissen für die Lehrkräfte Bedeutung. Diese Reflexion basiert in diesem Fall nicht auf den persönlichen Eigenschaften der Forschenden, sondern auf den theoretischen Unterscheidungen bezüglich der Definition des Gegenstandes sowie auf den Unterscheidungen, welche die Methode bzw. den Beobachtungsvorgang betreffen. Aus der systemtheoretischen Perspektive konstituieren standpunkt-und methodenabhängige Beobachtungen erst den scheinbar objektiven Gegenstand für den Betrachtenden. So erschaffen die Forschersubjekte nicht die Wirklichkeit, sondern haben zu einer unerkennbaren Wirklichkeit einen vermittelten Zugang, der offensichtlich sowohl durch bewusste als auch unbewusste Entscheidungen geprägt ist. Sie lassen sich jedoch nicht durch den Anspruch der Forscherreflexivität einlösen.

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  • Yeşim Kasap Çetingök

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