Kollektives Gedächtnis und selbstreflexive Wissenschaft. Wissenschaftliche Selbstreflexivität vor dem Hintergrund kollektiver Tradierungsprozesse

  • Karolina Rakoczy
Part of the Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialpsychologie book series (FBZSUS)

Zusammenfassung

Die Diskussion um eine transparente Wissensgenerierung und -vermittlung zielt darauf ab, die wissenschaftlichen (Vor-)Annahmen und Prozesse in ihrem Konstruktcharakter sichtbar zu machen und ggf. kritisch zu kommentieren. Sie setzt sich so auch zum Ziel, narrative Muster, die Sachverhalte als vermeintlich ‚normale‘ kennzeichnen, zu entlarven als eben: narrative Muster, die auf bestimmten Wertvorstellungen gegründet sind. In gedächtnistheoretischen Konzepten fällt der Konstruktcharakter von kollektiven Erinnerungen auf, die nach bestimmten Prinzipien weitergegeben werden und dadurch überhaupt zu Wissen werden, das als wichtig aufgefasst wird und durch das Gemeinschaften wie Individuen sich definieren (können). Die Diskussion einer selbstreflexiven wissenschaftlichen Methodik scheint dem Interesse für kollektive Gedächtnisprozesse verwandt: Sie kann als Ausdruck dafür verstanden werden, dass ein tief greifender Wandel unseres Verständnisses von ‚kulturellem Gedächtnis‘ stattfindet, der vor allem im Zusammenhang mit den Zäsuren im 20. Jahrhundert steht. Am Beispiel der gewachsenen Bedeutung des Holocaust als historischem Ereignis stellt der Beitrag die These vor, wie u.a. die Entwicklung des kulturellen Deutungsmusters ‚Trauma‘ einen vielschichtigeren Zugang zu wissenschaftlichen Fakten und deren Darstellung provoziert. Gerade der Holocaust, in hoch rationalisierter Form geplant und durchgeführt, steht für ‚Gegenrationalität‘: Dass wir der rationalen Grundlagen, auf denen wir Erkenntnisse zu gewinnen, Vergangenheit bzw. ‚die Welt‘ zu ordnen und Sinn zu generieren suchen, nicht sicher sein können, dass diese Grundlagen sich mithin als Abgrund erweisen können, diese Erkenntnis dringt immer stärker in die Fundierung von wissenschaftlicher Methodik.

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  • Karolina Rakoczy

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