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Zur Soziologie des Zeitzeugen: Erinnerung zwischen Subjektivität, Sozialität und kommunikativer Konstruktion

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Part of the Wissen, Kommunikation und Gesellschaft book series (WISSEN)

Zusammenfassung

Am Beispiel der Gedächtnisleistungen von Zeitzeugen zeigen Bernt Schnettler und Alejandro Baer , dass die Erinnerung eines Subjekts stets ein Akt der retentionalen Erfahrungsbildung, ein „rückwärtsgewandtes Fantasieren“ entlang der subjektiven Relevanzen darstellt. Zur Aufrechterhaltung eines kollektiven Gedächtnisses sei es erforderlich, dass diese subjektiven Gedächtnisleistungen über kommunikative Handlungsprozesse gesellschaftlich zugänglich gemacht werden. Adressaten fänden diese Erinnerungen aber nur, wenn sie an ein etabliertes kollektives Gedächtnis anschließen können. Diese kommunikative Kopplung sei für das Subjekt immer mit Verlusten verbunden. Der Versuch, sein Solitärsein in der Preisgabe einer Erinnerung kommunikativ zu überwinden, könne nur zu ‚Teilerfolgen‘ führen. Am Beispiel von Zeitzeugen wird illustriert, wie das Erinnerungssubjekt die materiale Basis für die Aufrechterhaltung einer Erinnerungskultur darstellt und wie es sich zugleich in dieser Erinnerungskultur nicht adäquat wiederfindet. Umgekehrt werde die subjektive Erinnerung immer schon durch kommunikativ eingespeiste Erinnerung gesellschaftlich überformt.

Schlüsselwörter

  • Kollektives Gedächtnis
  • Holocaust
  • Spanien
  • Autobiographischer Pakt
  • Memory-Studies
  • Mundanphänomenologie
  • Zeitzeugen

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Notes

  1. 1.

    „Zu fordern wäre also eine Integration des Erinnerungskonzeptes in eine umfassende Soziologie des Wissens – verstanden als allgemeine Soziologie (so Hitzler 1999) – die der im menschlichen Bewusstsein angelegten Trennung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Rechnung trägt“ (Jakiša und Zifonun 2004, S. 68).

  2. 2.

    Vgl. dazu aber Berek 2009. Versuche, wissenssoziologische Ansätze für die Erinnerungsforschung fruchtbar zu machen, dokumentieren sich darüber hinaus vor allem in den Arbeiten von Knoblauch, Zifonun, Soeffner, Dimath und Wehling sowie Lehmann, Oechsler & Sabald und Wehling. Zum kommunikativen Gedächtnis vgl. Knoblauch 1999, zum Erinnerungsdiskurs vgl. Zifonun 2004, zur Erinnerungspolitik vgl. Soeffner 2006, zum Vergessen vgl. Dimbath und Wehling 2011 sowie zum sozialen Gedächtnis Lehmann et al. 2013. Unsere eigenen Forschungen, die den Hintergrund der hier formulierten Überlegungen bilden, konzentrieren sich bislang vor allem auf Erinnerungsrituale; vgl. Schnettler und Baer 2013. Dieser Aufsatz greift in Teilen auf unsere vorangehenden Arbeiten zurück. Für wertvolle Anregungen danken wir Norbert Schröer, Marlen Rabl und Thorsten Szydlik.

  3. 3.

    Nach Ende des Spanischen Bürgerkrieges (1936–1939) überquerten hunderttausende Spanier auf der Flucht vor dem Franco-Faschismus die Grenze zu Frankreich. Mit dem Vormarsch der Wehrmacht im Mai 1940 fielen viele dieser Spanier den Nazis in die Hände. Etwa 10.000 Spanier wurden in deutsche Konzentrationslager verschleppt, hauptsächlich nach Mauthausen, Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Mehr als die Hälfte von ihnen überlebte die KZ-Haft nicht (vgl. Toran 2002).

  4. 4.

    „Als wir in den Konzentrationslagern ankamen, in diesen widerlichen Zügen, in Viehwaggons, zogen sie uns nackt aus, ihre Hunde bissen uns, sie blendeten uns mit Scheinwerfern. Wir waren normale Menschen, wie sie. Sie schrien uns auf Deutsch an: ‚links‛, ‚rechts‛. Wir verstanden das nicht, und einen Befehl nicht zu verstehen, konnte dich dein Leben kosten“ (unsere Übersetzung).

  5. 5.

    In etwa: „Herr Enric Marco, Schmuggler von Irrealitäten, willkommen in der Romanciers Lügenheim“.

  6. 6.

    Der Präsident der Federación de Comunidades Judías des España, Jacobo Israel Garzón, hatte dies schon bei der erwähnten Gedenkfeier bemerkt. An anderer Stelle heißt es: Wenn man Enric Marcos Berichten zuhörte, musste man den Eindruck gewinnen, er sei eigentlich bei allen wesentlichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts persönlich dabei gewesen.

  7. 7.

    „I wrote the entire work, its title included, in six month, basing myself in his manuscript and mutual conversations” (Stavans 2000, S. 92).

  8. 8.

    Interview mit Geoffrey Hartman, Alejandro Baer und Neal Sokol, New Haven, September 2002. Vgl. auch Hartman 1996.

  9. 9.

    Träger des kollektiven Gedächtnisses sind die Individuen und nicht etwa die Gruppe, doch die Gruppe – die jeweiligen sozialen Bezugsrahmen – bestimmt das Gedächtnis der Individuen. Die Erinnerungen des Einzelnen bilden sich in der Interaktion mit anderen. Gedächtnis wächst in der Sozialisation.

  10. 10.

    Davon, dass die Perspektive des „Familienalbums“ mittlerweile in den Massenmedien angekommen ist, zeugen neben zahlreichen Buchpublikationen vor allem Fernsehproduktionen wie der unlängst im ZDF ausgestrahlte umstrittene Dreiteiler Unsere Väter, unsere Mütter (2013), mit dem diese Sichtweise eine neue gesellschaftsweite Prominenz erlangt. Inwieweit dies Rückwirkungen auf das Verhältnis von offizieller und privater Gedenkkultur hat, wird weiter kritisch zu beobachten sein.

  11. 11.

    Wir sind Norbert Schröer für den Hinweis dankbar.

  12. 12.

    Siehe z. B. die Studie von Michael Heinlein (2010) zur „Generation der Kriegskinder“. Heinlein behauptet, dass diese Generation sich „selbsterfindet“, indem ihre Mitglieder sich „als eine Gemeinschaft von Erinnerungsakteuren begreifen, die ihre kollektive Identität post hoc aus einem Kern geteilter historischer Erfahrungen ableiten, eine eigene Botschaft entwickeln und im öffentlichen Erinnerungsdiskurs Fuß fassen und anerkannt werden wollen.“ (Heinlein 2010: 44–45).

  13. 13.

    Michael Berenbaum, persönliches Interview, Los Angeles, Januar 2001.

  14. 14.

    Für eine verdienstvolle Übersicht zu psychologischen Gedächtnistheorien vgl. Kölbl und Straub 2010.

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Schnettler, B., Baer, A. (2014). Zur Soziologie des Zeitzeugen: Erinnerung zwischen Subjektivität, Sozialität und kommunikativer Konstruktion. In: Poferl, A., Schröer, N. (eds) Wer oder was handelt?. Wissen, Kommunikation und Gesellschaft. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-02521-2_12

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