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Einleitende Bemerkungen

  • Jürgen Jensen
Part of the Afrika-Studien book series (AFRIKA-STUDIEN, volume 17)

Zusammenfassung

In den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts verstärkte sich im Zusammenhang mit der Fruchtbarmachung ethnologischen Wissens für die Lösung verwaltungsmäßiger und wirtschaftlicher Probleme in überseeischen Gebieten das Interesse am Studium des Kulturwandels. Man erkannte, daß die Erforschung von Akkulturationsvorgängen1 für die Erfassung der kulturellen Dynamik besonders geeignet ist. Es wurden seither viele diesbezügliche Untersuchungen durchgeführt. Aber das Streben nach Vertiefung unserer Kenntnis regionaler Entwicklungslinien und nach einem Ausbau der Theorie des Kulturwandels machen unablässig weitere derartige Forschungen notwendig. Auch die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag in diesem Sinne liefern. Es werden die Veränderungen bzw. auch die Konstanten untersucht, die sich in der Arbeitsteilung bei den Baganda in Uganda im Verlauf von etwa 100 Jahren ergeben haben. Die Frage lautet: Wie ist in diesem Zeitraum die Arbeitsteilung in ihrer Form verändert oder erhalten worden, und welche Faktoren waren für diese Entwicklung maßgebend?

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Anmerkungen zu Kapitel I

  1. 1.
    Unter Akkulturation wird gewöhnlich der durch Kulturkontakt hervorgerufene Kulturwandel verstanden; der Ausdruck soll auch in dieser Untersuchung so verwendet werden.Google Scholar
  2. 2.
    Mair stellt die Kultur der Baganda vor dem Beginn des Kontaktes dar und fügt bei der Besprechung jeder Institution hinzu, inwiefern um 1930 Veränderungen zu beobachten waren. Es wird sehr viel interessantes Material geboten, aber es ist schwer zu erkennen, wie sich der Wandel einer bestimmten Institution auf die anderen auswirkte, und auch die Zusammenfassung in diesem Werk ist nicht leicht als Ergebnis der vorangegangenen Darlegungen auszumachen, was Herskovits die folgende kritische Bemerkung zu machen veranlaßte: “... one must go through the book, noting down point after point in such a way as to reshuffle the whole materials in terms of acculturative forces that have been at work, before the syncretizations that have resulted become apparent.” (202: 73) Wenn man bei Mair jedoch den Wandel einzelner Institutionen verfolgen will, so macht sich — worauf ausdrücklich verzichtet wird — das Fehlen einer Darstellung der historischen Entwicklung in der Zeit zwischen dem Beginn des Kontaktes und dem Zeitpunkt der Beobachtung als Mangel bemerkbar, weil das Prozeßhafte nicht zu erkennen ist.Google Scholar
  3. 3.
    Es sind dies die im ‚Outline for the Study of Acculturation ‘als Punkt 1. genannten Typen. Der Begriff ‚Kontakttyp ‘wurde in dieser Schrift eingeführt und folgendermaßen erläutert: “Types of contact. 1. Where contacts are between entire groups; or are between an entire population and selected groups from another population, e.g., missionaries, traders, administrators, special craftsmen, pioneers and their families, and immigrant males (all these considered with special reference to the elements of culture likely to be made available by the members of such special groups to the population among whom they live).Google Scholar
  4. 2.
    Where contacts are friendly, or are hostile.Google Scholar
  5. 3.
    Where contacts are between groups of approximately equal size, or groups of markedly different size.Google Scholar
  6. 4.
    Where contacts are between groups marked by unequal degrees of complexity in material or non-material aspects of culture, or both, or in some phases of either.Google Scholar
  7. 5.
    Where contacts result from the culture-carriers coming into the habitat of the receiving group, or from the receiving group being brought into contact with the new culture in a new region.” (291: 132)Google Scholar
  8. 4.
    Wenn hier einmal von der Kultur, ein anderes Mal von den Reaktionen einer Gruppe gesprochen wird, so handelt es sich bei den kulturellen Formen und dem sozialen Verhalten um zwei Aspekte desselben Phänomens. Geht es um abstrakte Sinnzusammenhänge, werden kulturelle Formen (die in den regelhaften Aktionen und Interaktionen der Menschen erkennbar werden) behandelt; geht es aber um bestimmte Ereignisse (welche die Erhaltung, Modifizierung oder völlige Veränderung kultureller Formen nach sich ziehen), wird der Sachverhalt in Termini des gewissermaßen in der Bewährung stehenden sozialen Verhaltens beschrieben.Google Scholar
  9. 5.
    Firth schreibt in einem neueren Aufsatz über die Arbeit: “What is ‘work’? We commonly use the term in two senses. The first and broader sense is that of purposeful activity entailing expenditure of energy at some sacrifice of pleasure — or leisure. The second and narrower sense is that of income producing activity. Any definition must be arbitrary. But it is important to choose one which does not represent work simply as something people do not like doing.” (93: 103) Diese Definitionen sind wenig befriedigend. Die zweite Definition trifft nur auf Verhältnisse bei einer überwiegenden Geldwirtschaft zu, und die erste weist einige Mängel auf. Die Erwähnung des Energieverbrauches ist überflüssig, da eine Tätigkeit ohnedem nicht denkbar ist; es handelt sich also nicht um ein Kennzeichen der Arbeit allein, sondern jeder Tätigkeit. Firth selbst weist darauf hin, daß der Verzicht auf Vergnügen nichts Typisches an der Arbeit ist; aber auch die Erwähnung der Muße ist in einer Definition der Arbeit fehl am Platze, weil damit gewöhnlich einfach der Zustand des Nichtarbeitens bezeichnet wird, also durch die bloße Nennung des Gegenteils der Arbeit noch nichts gewonnen ist. Es bleibt also nur die zweckbewußte Tätigkeit als relevant für die Kennzeichnung der Arbeit übrig. Es handelt sich dabei in der Tat um einen wichtigen Bestandteil der meisten Aussagen über den Arbeitsbegriff, wie z. B. bei Eliasberg: „In der Arbeit wird beabsichtigt, einen die Zeit der Tätigkeit überdauernden, objektiven Wert hervorzubringen.“ (74: 253) In diesen Worten wird auch gleich das Ziel der Arbeitstätigkeit näher bezeichnet: es geht um die Schaffung eines Wertes, der nicht mit dem Tun selbst identisch ist, sondern sich daraus ergibt und gewöhnlich die Zeit der Tätigkeit überdauert (welches letztere allerdings nicht immer der Fall ist, wie z. B. bei einer schauspielerischen oder musikalischen Darbietung, wo der Wert vor allem in dem augenblicklichen Eindruck auf das Publikum besteht). Das Ergebnis einer Arbeit ist deshalb ein Wert oder ein Gut, — zur Vermeidung von Verwechselungen mit dem sonst in dieser Untersuchung verwendeten Wertbegriff soll im vorliegenden Zusammenhang der zweite Ausdruck gebraucht werden — weil damit ein Beitrag zur Deckung irgendeines materiellen oder auch eines mehr ungegenständlichen Bedarfes geleistet wird. Der Bedarf an Gütern beruht zwar auf den sich aus der organisch-psychischen Struktur des Menschen ergebenden Bedürfnissen, gewinnt aber durch die jeweiligen kulturellen Verhältnisse — insbesondere durch die in historischen Prozessen entwickelte spezifische Wertordnung — ihre eigentümliche Ausformung, die man als den Lebensstandard der betreffenden Gesellschaft bezeichnen kann (248: 76). Man kann also sagen, daß die Gesamtheit der Arbeiten in einer Gesellschaft der Deckung des gesamten auftretenden Bedarfes dient, soweit dazu Arbeit nötig ist; denn manche Bedarfsgüter, wie z. B. der lebensnotwendige Sauerstoff der Luft, stehen dem Menschen ohne weiteres zur Verfügung. Die eigentliche Befriedigung von Bedürfnissen geschieht dann in Tätigkeiten wie Essen, Trinken, Spielen usw., die jedoch, da ein Gut nur in ihnen selbst liegt und kein anderes damit geschaffen wird, nicht als Arbeiten bezeichnet werden können. Es folgt daraus jedoch nicht, — was schon angedeutet wurde — daß eine Arbeit etwas Unbefriedigendes sein muß; vielmehr tritt gerade bei Naturvölkern häufig die Lust an der Arbeit hervor und wirkt dann als eine zusätzliche und leistungssteigernde Motivation, worauf bereits Bücher hinweist (27: 9–43).Google Scholar
  10. Die eigentliche Motivation jeder Arbeit bleibt jedoch der Wunsch nach einem Gut, das am Ende mit der Befriedigung eines Bedürfnisses zusammenhängt. Die Beziehung zwischen der Bedarfsdeckung des Arbeitenden und dem Anreiz zur Betätigung wird häufig nicht ohne weiteres erkennbar, ist aber nichtsdestoweniger in indirekter Weise auch dann gegeben. Der einfachste vorstellbare Arbeitsvorgang ist die Bemühung eines Menschen um die Selbstversorgung: Ein Bedarf macht sich bemerkbar, eine zweckdienliche Anstrengung wird unternommen und danach ist der Bedarf für eine gewisse Zeit gedeckt. Als Beispiel: Bei einem Jäger stellt sich Nahrungsmangel ein, er geht auf die Jagd und kann für einige Tage seinen Bedarf sicherstellen. Hier ist die Motivation eindeutig auf das zu erlangende Gut gerichtet. Komplizierter wird der Vorgang, wenn das Ergebnis einer Arbeit ganz oder teilweise einem anderen zugute kommt. Als Beispiel: Ein Jäger braucht einen neuen Kochtopf; er stellt ihn aber nicht selbst her, sondern geht auf die Jagd und tauscht mit der Beute beim Töpfer den erwünschten Gegenstand ein. Der Anlaß zur Jagd ist für den Jäger in diesem Augenblick nicht ein Mangel an Fleisch, sondern das Interesse an einem Gefäß; Motivation und Gut fallen also auseinander, weil die Absicht nicht direkt auf das durch die Betätigung erlangte Gut abzielt, sondern auf ein anderes, das jedoch eine Gegenleistung erfordert. Es gibt viele verschiedene sozio-ökonomische Regelungen des Austausches von Leistungen auf Grund der genannten Komplizierung des Vorganges. In vielen primitiven Kulturen besteht die Motivation wesentlich darin, daß der Arbeiter durch sein Wirken einen Status in seiner Gesellschaft erhält und Prestige gewinnt (93: 104/203: 109–123). Es ist dann meist von vornherein festgelegt, daß jeder auf Leistungen bestimmter anderer Personen Anspruch hat. Selten ist der Umfang der zu verlangenden Güter genau festgelegt und häufig finden Leistung und Gegenleistung zu verschiedenen Zeitpunkten statt. Ein solcher Austausch vollzieht sich stets innerhalb bestimmter sozialer Organisationen, wie etwa einer Verwandtschaftsgruppe oder einer Dorfgemeinschaft. Eine Arbeit wird daher unter solchen Verhältnissen — wie schon angedeutet — vorwiegend durch den Wunsch motiviert, als Mitglied der betreffenden Organisation anerkannt zu werden; denn nur durch sie wird die gesamte Versorgung des einzelnen mit Bedarfsgütern, mit anderen Worten: die soziale Sicherheit, gewährleistet. Nur ausnahmsweise finden wir in primitiven Gesellschaften die Regelung, für bestimmte Arbeiten bestimmte Löhne zu zahlen. In der westlichen Kultur hat dagegen fast jede Leistung einen genau festgelegten Preis, der durch die Messung an einer einheitlichen Wertskala, dem Geld, bestimmt wird. Gewöhnlich werden Leistungen nicht gegeneinander ausgetauscht, sondern eine Arbeit wird mit einer Summe Geldes vergütet, und mit dem Lohn kann man dann — soweit das Geld reicht — beliebig andere Güter erwerben. So können bei uns die meisten auftretenden Lücken in der Versorgung mit Hilfe des Geldes ausgefüllt werden, und wir sind auch nicht auf die Arbeitsleistungen ganz bestimmter Personen angewiesen, sondern es besteht die Möglichkeit der Auswahl. Eine Arbeit wird also bei uns zunächst einmal durch den Wunsch nach Geld motiviert, durch welches dann der eigene Bedarf gedeckt werden kann. Das Verhältnis von Arbeit und Bedarf muß nicht immer völlig ausgeglichen sein, da es oft nicht möglich ist, das Ausmaß des Bedarfes an einem Produkt im voraus richtig abzuschätzen. In dieser Hinsicht wäre als moderne Erscheinung der Wirtschaft die Erzeugung von Gegenständen, für die erst durch die Reklame ein Abnehmerkreis geschaffen werden muß, zu nennen.Google Scholar
  11. Dadurch kann die grundsätzliche Beziehung zwischen Arbeit und Bedarfsgrundlage aber keineswegs aufgehoben werden, sondern vielmehr wird durch private, staatliche oder globale Wirtschaftskrisen bewiesen, daß dies ohne katastrophale Folgen gar nicht möglich ist. Auch für den Kulturwandel und speziell für den Wandel von Phänomenen der Arbeit ist diese Beziehung von der größten Bedeutung (248: 80), und es wird darauf zu achten sein, wie sich bei den Baganda Veränderungen im Lebensstandard auf den Arbeitskomplex auswirkten.Google Scholar
  12. 6.
    „Als Kulturvorgang ist die Arbeit und alle konkrete Arbeitstätigkeit in einen unlöslichen Zusammenhang mit der Gesamtkultur eingebettet. Auch die einfachste, vorwiegend physische Arbeitstätigkeit ist entscheidend bestimmt durch die sozialen, rechtlichen, wirtschaftlichen, technisch-ökonomischen Zusammenhänge, die für eine bestimmte Kultur charakteristisch sind. Wir wollen im folgenden, wenn wir diese konkrete Gesamtheit meinen, dafür das Wort: Arbeitskomplex gebrauchen.“ (74: 253)Google Scholar
  13. 7.
    Als Werte werden in der Ethnologie die von Kultur zu Kultur (und in gewissem Ausmaße auch von Individuum zu Individuum) variierenden Vorstellungen bzw. Standards des Wünschenswerten in bezug auf das Wesen des Menschen und seiner Umwelt bezeichnet. Einzelne Werte stehen gewöhnlich in einer logischen Beziehung zu anderen Werten der betreffenden Kultur, wobei man eventuell eine Anordnung um zentrale Werte feststellen kann. Weiterhin gibt es mehr oder weniger ausgeprägte gradweise Abstufungen einzelner Werte, die man als Wertstufen bezeichnen kann; diese Wertstufen kann man in aktuellen Situationen am auswählenden und vergleichenden Verhalten des Menschen erkennen, und unter Umständen gibt es sogar eine genaue Skala, wie das Geld, mit dem die Wertstufe in ökonomischer Hinsicht gemessen werden kann. Die Gesamtheit der Beziehungen und Abstufungen der Werte bildet das Wertsystem einer Kultur.Google Scholar
  14. 8.
    Es ist nicht angängig, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Arbeitsteilung bei der Schaffung eines komplexen Werkes und derjenigen zwischen Leuten, die verschiedenartige Güter hervorbringen, zu postulieren. Denn man kann etwa die Gesamtheit der Arbeiten einer Dorfgemeinschaft zu ihrer Versorgung in weiterem Sinne ebenfalls als das Bemühen um ein einziges Werk, dessen einzelnen Teilen nur eine relative Selbständigkeit zukommt, auffassen. Das Besondere ist lediglich, daß bei der Schaffung komplexer Werke mehrere Spezialisten während der Arbeit aufeinander angewiesen sind, während die gegenseitige Interdependenz der Gesamtheit der Spezialisten in einer Gemeinschaft erst während der Verwendung der Güter erkennbar wird. Die Aufteilung von Funktionen auf verschiedenartige soziale Kategorien gilt gleichermaßen für einzelne Tätigkeitskomplexe wie für den gesamten Arbeitskomplex.Google Scholar
  15. 9.
    Im vorliegenden Fall soll diese Arbeitsteilung soweit untersucht werden, als sich dadurch die Aufteilung von Tätigkeiten unter verschiedenartigen Bevölkerungsgruppen innerhalb der Staatsgrenzen Bugandas erfassen läßt. Für die Akkulturation erweist sich die Arbeitsteilung zwischen den Kontaktpartnern und den Einheimischen als besonders bedeutsam; die im kolonialen Afrika so wichtigen Probleme der ‚Rassen‘gegensätze hängen meist eng mit der Arbeitsteilung nach diesem Prinzip zusammen.Google Scholar
  16. 10.
    Hiervon kann man sprechen, wenn die Art der Beschäftigung selbst das einzige Unterscheidungsmerkmal für die Bildung sozialer Gruppierungen ist.Google Scholar
  17. 11.
    Bei einigen der genannten Gruppen scheint die Bindung an einen zugewiesenen oder erworbenen Status selbstverständlich zu sein; das Beispiel der Transvestiten in Nordamerika beweist jedoch, daß sogar die Geschlechtszugehörigkeit nicht immer als vorgegeben angesehen wird.Google Scholar
  18. 12.
    Apolo Kagwa war 1889 — 1926 Premierminister von Buganda.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin · Heidelberg 1967

Authors and Affiliations

  • Jürgen Jensen

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