Psychische Infektionen und psychopathisches Massengeschehen

  • Karl Birnbaum

Zusammenfassung

Richard Wagner erzählt in seinen Lebenserinnerungen von seiner Teilnahme an den akademischen Unruhen in Leipzig im Revolutionsjahr 1830:
  • — —„Plötzlich verbreitete sich der Ruf nach einer berüchtigten Gasse, in welcher gegen eine verhaßte Magistratsperson, welche dort der Volksmeinung nach ein übel berufenes Etablissement in willkürlichen Schutz genommen hatte, populäre Justiz geübt werden sollte. Als ich im Gefolge des Schwanns an jenem Orte anlangte, fand ich ein erbrochenes Haus, in welchem allerhand Gewalttaten verübt wurden. Ich entsinne mich mit Grauen der berauschenden Einwirkung eines solchen unbegreiflichen wütenden Vorganges, und kann nicht leugnen, daß ich ohne die mindeste persönliche Veranlassung hierzu, an der Wut der jungen Leute, welche wie wahnsinnig Möbel und Geräte zerschlugen, ganz wie ein Besessener mit teilnahm. Ich glaube nicht, daß die vorgebliche Veranlassung zu diesem Exzeß, welche allerdings in einem das Sittlichkeitsgefühl stark verletzenden Vorfalle lag, hierbei auf mich Einfluß übte; vielmehr war es das rein Dämonische solcher Volkswutanfälle, das mich wie einen Tollen in seinen Strudel mit hineinzog.

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Literature

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© Julius Springer in Berlin 1920

Authors and Affiliations

  • Karl Birnbaum

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