Körper und Welt

  • Paul Schilder
Part of the Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie book series (MONOGRAPHIEN, volume 35)

Zusammenfassung

Der Körper ist von den Dingen der Außenwelt durch seine besondere Beziehung zum erlebenden Ich geschieden; er ist dem Ich näher gerückt; an ihm setzt der Wille ein, hier ist eine Machtsphäre meines Willens, hier ist aber auch die Berührungsfläche mit der Außenwelt, an der mein Erleiden einsetzt. Außenwelt und Körper sind durch das Bindeglied Empfindung verbunden. Das Erleben des „Außen“ geht schließlich immer mit einem Erleben am eigenen Körper ein her. Es ist eine wesensmäßige Beziehung, daß stets am eigenen Körper etwas vorgeht, wenn ich mich im Akt zu einem Gegenstand der Außenwelt wende. Dieses Erleben am Körper ist sehr mannigfacher Art. Wenn ich einen Gegenstand sehend wahrnehme, so schwingt in diesem Akte eine dunkle Gesamtempfindung des ganzen Körpers mit. Einzelnes hebt sich aus dieser besonders ab; jene Empfindungen, welche mit den motorischen Einstellbewegungen verbunden sind. Es finden sich jedoch auch Abänderungen der Atmung, der Blutverteilung usw. statt, welche die Resultante der Gemeinempfindungen nicht unbeeinflußt lassen. Schließlich sind aber neben der optischen Wahrnehmung optische Empfindungen da. Es ist zwar dem Wahrnehmenden zunächst nur zufolge einfacher Versuche geläufig, daß er Empfindungen optischer Art beim Sehen hat, er ist ja auf den Gegenstand gerichtet und die Empfindungen sind nur der Inhalt, aus dem dieser Gegenstand aufgebaut wird. Es gehören aber schließlich zu jeder Wahrnehmung Nachbild- und Kontrasterscheinungen, die nicht als Teile des Wahrgenommenen, sondern als Empfindungen erlebt werden. Jede Wahrnehmung ist nicht nur schlichtes Wahrnehmen des Gegenstandes, sondern sie schließt auch das Erlebnis von Empfindungen, von Änderungen am eigenen Körper ein. Körper und Welt sind demnach aneinander gekoppelt. Es fällt schwer diesen Tatbestand auszudrücken; wir fühlen uns veranlaßt zu sagen, am Körper wird eine Veränderung erlebt. Es muß aber betont werden, daß wir nicht vom Erleben dieser Empfindungen in dem gleichen Sinne sprechen können, wie wir vom Erleben des Aktes sprechen. Auch die Empfindungen erscheinen, sie stehen auf der Gegenstandsseite, aber die Änderung, des eigenen Empfindens ist „Akt — näher“, „ich — näher“, als die Außenwelt. Der Körper ist mit seinen Empfindungen in dieser Hinsicht den Gefühlen verwandt. Es gibt nun eine Reihe von Erlebnissen, welche, obwohl sie Gegenstände der Außenwelt erfassen, trotzdem mit einen wesentlichen Anteil am eigenen Körper verankert sind. So ist der Schmerz nicht nur Wahrnehmung eines schmerzerweckenden Gegenstandes, sondern auch Wahrnehmung einer Körperveränderung; er ist zu einem sehr großen Teil „Empfindung“. Geruch und Geschmack sind Sinne, bei denen der Empfindungsanteil gegenüber dem Wahrnehmungsanteil stärker betont ist, als bei der optischen, akustischen oder taktilen Wahrnehmung.

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Literatur

  1. 2).
    Freud: Trauer und Melancholie, Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse Jg. 4, S.288, 1916/17 und auch Massenpsychologie und Ichanalyse, 1921.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1923

Authors and Affiliations

  • Paul Schilder
    • 1
  1. 1.Universität WienÖsterreich

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