Allgemeine Richtlinien zur Beurteilung von Leberbiopsien

  • Heribert Thaler

Zusammenfassung

Leberbiopsien werden vorgenommen, um die Diagnose zu sichern oder zu erleichtern. Diese Tatsache, wenn sie auch noch so simpel klingt, sollte derjenige, der Biopsien beurteilt, niemals außer acht lassen. Dem Untersucher fällt eine große Verantwortung deshalb zu, weil der histologische Befund von vielen als der Weisheit letzter Schluß angesehen wird. So sehr, als die richtige Diagnose dem Patienten nützt, kann ihm die falsche schaden. Es braucht nicht betont zu werden, daß auch der erfahrenste Histologe Irrtümern unterworfen ist. Neben diesen schicksalhaften und unvermeidlichen Fehlern resultieren viele vermeidbare daraus, daß der behandelnde Arzt, dem es vielfach an histologischem Fachwissen mangelt, den Befund des Histologen mißversteht. Dies wäre fast immer vermeidbar, wenn behandelnder Arzt und histologischer Untersucher mehr Verständnis füreinander aufbrächten. Die folgenden Richtlinien könnent vielleicht dazu beitragen:
  1. 1.

    Der histologische Untersucher muß über die wesentlichen medizinischen Daten des Patienten und über die diagnostische Fragestellung, aus der heraus die Biopsie vorgenommen wurde, orientiert werden.

     
  2. 2.

    Eine histologische Diagnose soll nur gestellt werden, wenn sie auf Grund des histologischen Bildes gesichert erscheint. Wenn es sich lediglich um eine Vermutungs- oder Wahrscheinlichkeitsdiagnose handelt, soll dies ausdrücklich vermerkt werden.

     
  3. 3.

    Bezeichnungen, die vieldeutig sind oder zu Fehlbeurteilungen Anlaß geben könnten, sind unbedingt zu vermeiden. Ein gutes Beispiel ist hier die so gerne verwendete Diagnose: „incipiente Cirrhose“. Wie wir später noch auszuführen haben, ist die Cirrhose durch den knotigen Umbau des Leberparenchym charakterisiert. Kann ein solcher in der Biopsie nachgewiesen werden, muß die Diagnose „Cirrhose“ gestellt werden, findet er sich nicht, darf diese Bezeichnung nicht verwendet werden. Die Veränderung muß korrekterweise als portale Fibrose oder, in Übereinstimmung mit dem klinischen Krankheitsverlauf, als Rückbildungsstadium einer Virushepatitis, als chronische Hepatitis usw., bezeichnet werden. Es sollte nie vergessen werden, welche oft nie wieder gutzumachende Konsequenzen die ungerechtfertigte Diagnose einer Cirrhose für den Patienten nach sich zieht. Nur selten ergibt sich die für den Untersucher beschämende, für den Patienten aber befreiende Situation, daß sich herausstellt, daß die„Cirrhose“ restlos geheilt ist.

     

Copyright information

© Springer-Verlag, Berlin · Heidelberg 1969

Authors and Affiliations

  • Heribert Thaler
    • 1
  1. 1.Vorstand der IV. internen Abteilung des Wilhelminenspitals der Stadt WienUniversität WienÖsterreich

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