Zusammenfassung

Wer heute im vorgeschrittenen Lebensalter auf seine Erlebnisse zurückschaut und seiner damaligen Urteile über das, was er erlebte, sich erinnert, genießt einen Vorzug, den kein Lesen und kein Hören von dem Geschehenen voll ersetzen kann. Er ist nicht nur ein Zeuge der Hoffnungen und Befürchtungen, der Irrtümer und Enttäuschungen, an denen er selber etwa teilgenommen hat, sondern auch, wenn er ihnen fernblieb und zweifelnd gegenüberstand, meint er doch, sie besser zu kennen und zu verstehen als der junge Mensch, der sich davon erzählen läßt und niemals in derselben „Welt“ gelebt hat. Diese Betrachtung wird nahegelegt durch das Gedenken der gesamten Bismarck sehen Ära und besonders des Versuches der für sie charakteristisch war, die damals noch schwache sozialistisch-demokratische Volksbewegung totzuschlagen und ihre Keime zu vertilgen. Ich habe damals schon diese Gesetzgebung für ungerecht gehalten, nicht allein ihrem offenbaren Charakter nach, sondern weil auch der Grund für sie, der in der öffentlichen Meinung vorwaltete, ein unwahrer Grund und bei den Wissenden — den eigentlichen Urhebern — nichts als ein schlechter Vorwand war. Denn in Wahrheit hatte die Partei der Erregung von Aufruhr, geschweige denn wirklicher gewaltsamer und ungesetzlicher Handlungen — die an jedem Mitgliede nach dem Strafgesetzbuch hätten verfolgt werden müssen — sich nicht schuldig gemacht, wie vielen Anstöß man auch mit gutem Grunde an manchen ihrer Äußerungen in Wort und Schrift nehmen mochte.

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© Verlag von Julius Springer 1929

Authors and Affiliations

  • Ferdinand Tönnies

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