Zusammenfassung

Schönen Dank für Ihren freundlichen Brief, Ihre Ausstellung beweist mir, daß Sie meine Schrift aufmerksam gelesen haben, und auch das ist schon anzuerkennen. Ich bin, was Preußens auswärtige Politik betrifft, nicht so verblendet, als Sie denken, und hoffe Ihnen das allmählich durch meine nächsten Schriften zu beweisen. Weder glaube ich, daß Schleinitz 1) wirklich für Italien war, noch (wie Sie) daß diese Menschen wirklich den Mut und die Energie selbst zu einem reaktionären Krieg in sich gefunden hätten. Aber ich habe das Recht, wenn es mir polemisch und dialektisch dient, ihre schwankende Politik zu einem Triumphe der höheren Wahrheit auszulegen. Einstweilen gewinnt die gemäßigte und praktische Demokratie etwas Terrain durch ihr scheinbares Anknüpfen an Preußens Beruf und Entwicklungsfähigkeit. Die Zeit des absoluten Gegensatzes und der brutalen Verfolgung ist ja doch nicht ferne, sie wiird schon ohne unser Zutun kommen. Jenen wäre es gewiß lieber, wenn wir sie antizipierten. Trotz meiner sogenannten „Mäßigung“ 2) werde ich nicht nach Berlin zurückkehren dürfen, solange nicht die liberale Seite des Ministeriums im Polizeipräsidium einen ihrer Anhänger durchgesetzt hat, also wahrscheinlich niemals. Denn die holden Fütterwochen sind schon vorbei. —

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References

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    Da Oppenheim sich schon von Paris aus und erst recht, als er bald danach nach Deutschland zurückkehrte, eifrig für den Nationalverein einsetzte, so rückte er bald von Lassalle ab. Ein ungedruckter Brief von ihm an Friedrich Kapp vom 15. Dezember 1861, der in Lassalles Hand kam, gibt Zeugnis davon: „Du bist den deutschen Zuständen fremd geworden“, heißt es dort, „und hast an Leuten wie Herwegh und Lassalle, die (aus persönlichen Gründen) verbittert sind, nicht die richtigen Interpreten gefunden; mit dem revolutionären, d.h. achtund vierziger Ton ist nichts getan, solange wir die Bourgeoisie zu gewinnen haben und mit Erfolg bearbeiten.“Google Scholar
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    Wilhelm Löwe-Kalbe (1814–1886), der einstige Präsident des Stuttgarter Rumpfparlaments, lebte damals als politischer Flüchtling in Neuyork, wo er als Arzt tätig war.Google Scholar
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    Moritz Hartmann (1821–1872), der Dichter und demokratische Politiker, lebte damals ebenfalls als politischer Flüchtling in Paris.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1923

Authors and Affiliations

  • Gustav Mayer

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