Wissenschaft und Kunstbetreibung im Alter

  • W. A. Freund

Zusammenfassung

Nachdem wir oben das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst im allgemeinen behandelt haben, ist hier am Platze su untersuchen, wie sich dies Verhältnis speziell in Rücksicht auf das Greisenalter gestaltet. Zunächst die Vorfrage, haben wir Laien das Recht, speziell in Kunstangelegenheiten zu urteilen? Ich habe diese Frage in dem Aufsatzeüber „Die erziehliche Kraft der Kunst“ mit guten Gründen bejaht. Ich kenne keine Kunstgattung und nur eine einzige Wissenschaft, die Mathematik, in der das Endurteil über ihre Leistungen den Fachgenossen ausschließlich zusteht. Sowohl für uns selbst als besonders im Hinblick auf die Erziehung unserer Kinder haben wir das Recht, über Kunst zu urteilen. Heute bei vertiefter Einsicht in das Kunstschaffen, wie früher intuitiv in der Jugend, erkenne ich, daß die Kunst für mich ein wesentliches Moment meiner arbeitenden und genießenden Persönlichkeit gewesen ist. Ich habe keinen wahren Genuß außer dem künstlerischen kennen gelernt, keine wirksamere Helferin in Arbeit, in Freude und Not als in der Kunst gefunden. Mir ist keine wissenschaftliche Untersuchung gelungen; ich habe zu meiner Befriedigung keine Operation ersonnen, keinen Vortrag vor Studenten und Kollegen gehalten, ja keinen Brief geschrieben, in denen nicht die Kunst Anfang und Ende gesegnet hat. Nichts ist mir vollendet erschienen, was ich nicht am Schaffensende mit einem einzigen Blicke wie einen schönen Baum, ein fertiges Bild, eine tadellose Gestalt vor meiner Seele stehen sah.

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© Springer Verlag Berlin Heidelberg 1913

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  • W. A. Freund

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