Epidemiologie und Soziologie der akuten Infektionskrankheiten

  • A. Gottstein

Zusammenfassung

In den Krankheitssystemen aller Zeiten haben die akuten übertragbaren Krankheiten stets eine Sonderstellung eingenommen. Aber es trat im Wandel der Anschauungen bald die eine, bald die andere ihrer charakteristischen Eigenschaften stärker in den Vordergrund. Dasjenige Krankheitszeichen, das auch einer primitiven medizinischen Lehre nicht entgehen konnte, war das plötzliche und gehäufte Auftreten gleichartiger, vom gewöhnlichen Krankheitscharakter des Alltags außerordentlich scharf sich heraushebender Erkrankungen von stürmischem Verlauf und ihr ebenso plötzlichesVerschwinden für kürzere oder längere Zeit. Im Gegensatz zu den landläufigen Erkrankungen, die durch den Sitz in bestimmten Organen sich voneinander auch bei einem Tiefstand anatomischer und physiologischer Kenntnisse trennen ließen, beteiligten sie meist den gesamten Organismus unter gleichzeitigem Auftreten ungewöhnlicher örtlicher Erscheinungen und oft unter tiefen Störungen des Bewußtseins. Dazu kamen zwei weitere besondere Eigenschaften, die Übertragung der gleichen Krankheit, meist durch unmittelbare Ansteckung von Mensch zu Mensch oder seltener durch mittelbare Ansteckung, und weiter ihre außerordentlich große Sterblichkeit. Es ist nicht verwunderlich, daß man durch Jahrhunderte gerade diese Krankheitsgruppen auf übernatürliche Ursachen zurückführte, daß man in ihnen Strafmaßnahmen der Gottheit sah, und daß auch sonst an ihr Entstehen und ihre Abwehr Aberglaube und Mystik sich hefteten. Jedenfalls waren ihre Schrecken so eindrucksvoll, daß mehr noch als die Krankheitshäufung und die Ansteckung ihre Lebensgefahr zum entscheidenden Merkmal für die ganze Gruppe wurde. Gegenüber anderen Krankheitsformen wurden sie daher weniger nach ihrer Erscheinungsform zusammengefaßt oder untereinander getrennt. Vielmehr war durch Jahrhunderte fast ausschließlich für ihre Sonderstellung ihre ungünstige Prognose maßgebend. Man sprach allgemein von Pesten und Seuchen, von Pestjahren und pestfreien Zeitabschnitten, und nur wenige ihrer Zeit überlegene Geister, deren es natürlich in jeder Periode gab, unterwarfen darüber hinaus auch diese Gruppe einer genaueren Analyse, freilich dann meist im Sinne der Anschauungen ihrer Zeit. So erklärt es sich, daß bis in einen nicht sehr weit zurückliegenden Zeitabschnitt Seuchenformen zusammengefaßt wur-den, deren strenge Trennung nach Erscheinungen, Verlauf, Organbeteiligung und Ausgang uns heute zwingend erscheint, und daß selbst das Gesetz der klinischen Spezifizität, nach dem die eine akute Infektionskrankheit durch Übertragung niemals die andere erzeugt, auffallend spät anerkannt worden ist.

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Copyright information

© Julius Springer in Berlin 1927

Authors and Affiliations

  • A. Gottstein
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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