Die rechtlichen Grundlagen und die Organisation der Fürsorge einschließlich des Armenrechtes und des Rechtes des Kindes

  • Hans Maier

Zusammenfassung

„Wohlfahrtsausschuß“ (Comité de salut public) hieß das in der französischen Revolution von dem Nationalkonvent als Zentrale der ausübenden Gewalt geschaffene oberste Regierungsorgan. Des Volkes Wohlfahrt ist das Gesamtziel jeder Regierungstätigkeit. Bei der Schaffung eines städtischen Wohlfahrtsamtes wurden in der Sitzung des Magistrates dieser Stadt gegen den Namen Bedenken vorgebracht, weil eigentlich der Magistrat selbst in seiner gesamten kommunalen Tätigkeit die Bezeichnung Wohlfahrtsamt beanspruchen könne. Wenn in den späteren Untersuchungen von Wohlfahrtspflege gesprochen werden wird, geschieht dies natürlich nicht in dem gekennzeichneten Umfang der gesamten öffentlichen Verwaltung. Es wird nur ein besonderer Zweig öffentlicher und gesellschaftlicher Tätigkeit mit dem hier angewandten verengerten Begriffe bezeichnet. Über das Synonyme hinaus besteht aber eine innere Verwandtschaft zwischen der Wohlfahrtspflege im engeren technischen Sinne und der Anwendung ihres Namens bei den leitenden Organen staatlicher Verwaltung. Diese als Revolutionsschöpfungen sollten zum Ausdruck bringen, daß ein neuer im Umsturz bisheriger Rechtsordnungen geborener Staat auch auf die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse seiner Bürger Einfluß ausüben sollte und aktiv die gesellschaftlichen Beziehungen seiner Glieder zu wandeln, sich als Aufgabe setzen müsse. Diese tätige Einflußnahme auf gesellschaftliche, soziale und kulturelle Verhältnisse entspricht der Wohlfahrtspflege in dem hier behandelten engeren Umfang. Mit ihrer Ausgestaltung hat sich der Begriff der Wohlfahrtspflege in den beiden letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Stammler und, ihm folgend, v. Erdberg bezeichneten die Wohlfahrtspflege als „eine freie Tätigkeit zu einer sozialen Besserung, die durch besondere Rechtseinwirkungen gerade nicht erreicht werden kann.“ Hier wird also gerade in dem Fehlen zwangsmäßiger, d. h. gesetzlicher Grundlagen und Einwirkungsmöglichkeiten, das Wesen der Wohlfahrtspflege erblickt. Wenn der Staat als Träger der Wohlfahrtspflege erscheint, dann übt er sie nach Von Erdberg nicht als Gesetzgeber, sondern nur als Organisator aus. „Denn“, so fährt er fort „sobald solche Förderung gesetzlich festgelegt wird, tritt sie aus dem Rahmen der Wohlfahrtspflege heraus.“ . . . Bei einer so scharfen Abgrenzung der Geltungsbereiche, „hört die Wohlfahrtspflege auf, Wohlfahrtspflege zu sein, sobald der Staat als Staat in ihr Gebiet eingreift, und der Staat muß seinen Charakter als Staat abtun, sobald er Wohlfahrtspflege üben will.“ Wie völlig haben sich in dem halben Jahrzehnt seit dieser Niederschrift die begrifflichen Anschauungen gewandelt. Es sind die Auswirkungen einer liberalen, manchesterlichen Staatsauffassung auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege, die auch dort wie in allen anderen Zweigen der Sozialpolitik einer der Gemeinschaftsverantwortung bewußten, Staatseingriffe und staatliches Wirken bejahenden Anschauung weichen mußte. Wenn damals gegen die ersten Rufe nach öffentlich-rechtlichen Wohlfahrtsämtern und ihrer gesetzlichen Untergründung von Erdberg einwandte, daß die Verhältnisse für einen gesetzlichen Eingriff noch nicht reif seien, so hat die Entwicklung der Nachkriegszeit und die Untergründung der Wohlfahrtspflege durch reichsgesetzliche Regelung der Jugend-Wohlfahrt und der verschiedenen Zweige öffentlicher Fürsorgepflicht wie durch landesgesetzliche Wohlfahrtspflegegesetze den Gegenbeweis erbracht. Die Wohlfahrtspflege als Teilgebiet der sozialen Reform wird, gleich dieser, sowohl von freien Verbänden gesellschaftlichen oder weltanschaulichen Zusammenschlusses wie von den umfassenden Zwangsgemeinschaften, dem Staate und den kommunalen Verbänden, getragen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Albrecht: Städtische Wohlfahrtsämter. Berlin 1920.Google Scholar
  2. Baum: Wohnweise kinderreicher Familien in Düsseldorf Stadt und Land. Berlin 1917.Google Scholar
  3. Beeking: Das Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt und die Caritas. Freiburg 1923.Google Scholar
  4. Bergerhoff: Wohnungspflege. Stuttgart 1922.Google Scholar
  5. Binding-Hoche: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Leipzig 1923.Google Scholar
  6. Bozi: Soziale Rechtseinrichtungen in Bielefeld. Stuttgart 1917.Google Scholar
  7. Diefenbach: Ein Reichsarmengesetz. Karlsruhe 1920.Google Scholar
  8. Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge. Gesamtbericht der Tagung in Frankfurt a. M. 1915. Berlin 1916.Google Scholar
  9. v. Erdberg: Die Wohlfahrtspflege. Jena 1903.Google Scholar
  10. Frankfurter Arbeiterbudgets. Schriften des freien deutschen Hochstifts. Frankfurt a. M. 1890.Google Scholar
  11. Frankfurt a. M. Entstehung und Aufbau des Wohlfahrtsamtes. Frankfurt a. M. 1921.Google Scholar
  12. Fortbildungskurse und Konferenzen, Ziele, Methoden und Technik. Frankfurt a. M. 1924.Google Scholar
  13. Fürsorge, allgemeine. Referate auf der Reichstagung der Arbeiterwohlfahrt vom 12./13. September 1924 in Hannover. Berlin 1924.Google Scholar
  14. Flesch, Karl: Soziales Vermächtnis. Frankfurt a. M. 1922.Google Scholar
  15. Gut: Wohnungsaufsicht und Wohnungspflege in „Die Zukunftsaufgaben der deutschen Städte“. Berlin-Friedenau 1922.Google Scholar
  16. Gefährdetenfürsorge und Sittlichkeitsgesetzgebung. Frankfurt a. M. 1919.Google Scholar
  17. Herkner: Die Arbeiterfrage. Berlin 1923.Google Scholar
  18. Juchacz-Heymann: Die Arbeiterwohlfahrt. Berlin 1924.Google Scholar
  19. Kindergarten und Schulwesen: Bericht des deutschen Ausschusses für Kleinkinderfürsorge. Frankfurt a. M. 1922.Google Scholar
  20. Kampffmeyer-Schenck: Die Wohnungsverhältnisse der kinderreichen Familien in badischen Städten. Karlsruhe 1918.Google Scholar
  21. Klumker: Die Jugendfürsorge im neuen Reich. Frankfurt a. M. 1920.Google Scholar
  22. Klumker: Fürsorgewesen. Leipzig 1918.Google Scholar
  23. Levy-Götze: Die Beschaffung der Geldmittel für die Bestrebungen der freien Liebestätigkeit. München u. Leipzig 1912.Google Scholar
  24. Lütkens: Die deutsche Jugendbewegung. Frankfurt a. M. 1925.Google Scholar
  25. Maier: Soziale Wohnungsfürsorge. Frankfurt a. M. 1919.Google Scholar
  26. Maier: Verwahrungsgesetz. Karlsruhe 1921.Google Scholar
  27. Malthus: Versuch über das Bevölkerungsgesetz. Berlin 1879.Google Scholar
  28. Münsterberg: Die Armenpflege. Berlin 1897.Google Scholar
  29. Nielsen: Kinder und Völkerversöhnung, in Deutsch-Nordisches Jahrbuch 1924. Jena 1924.Google Scholar
  30. Pappritz: Handbuch der amtlichen Gefährdetenfürsorge. München 1924.Google Scholar
  31. Petersen: Die öffentliche Fürsorge für die hilfsbedürftige und für die sittlich gefährdete und gewerblich tätige Jugend. Leipzig 1907.Google Scholar
  32. Potthoff: Probleme des Arbeiterrechts. Jena 1912.Google Scholar
  33. Prostitutionsbekämpfung, zur Frage der. Herausgegeben vom deutschen Verband der Sozialbeamtinnen. Schwerin 1924.Google Scholar
  34. Quarck: Gegen Prostitution und Geschlechtskrankheiten. Berlin 1921.Google Scholar
  35. Roscher-Klumker: Armenpflege und Armenpolitik. Stuttgart 1906.Google Scholar
  36. Schmittmann: Reichswohnversicherung. Stuttgart 1917.Google Scholar
  37. Stammler: Gedanken und Ziele der Wohlfahrtspflege. Berlin 1908.Google Scholar
  38. Stemmler: Die Unfruchtbarmachung Geisteskranker usw. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. 80.Google Scholar
  39. Schott-Bernays: Kinderreiche Familien in Mannheim und ihre Wohnungen. Karlsruhe 1918.Google Scholar
  40. Studders: Vorbericht zur Konferenz über die Frage der Ausbildung zu sozialer Arbeit. 1921.Google Scholar
  41. v. Wiese: Einführung in die Sozialpolitik. Leipzig 1921.Google Scholar
  42. Webb: Problem der Armut. Jena 1912.Google Scholar
  43. Wohlfahrtsamt und Familienfürsorge. Tagung des Fachausschusses für städtisches Fürsorgewesen in Nürnberg. Frankfurt a. M. 1921.Google Scholar
  44. Wohlfahrtsämter, herausgegeben von Klumker u. Schmittmann. Stuttgart 1921.Google Scholar
  45. Zentralstelle für Volkswohlfahrt, Heft 14. Berlin 1919.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1926

Authors and Affiliations

  • Hans Maier
    • 1
  1. 1.Deutschland

Personalised recommendations