Allgemeine Störungen des Wachstums und des Stoffwechsels, insbesondere in Zusammenhang mit Störungen innerer Sekretionen

  • N. Ph. Tendeloo

Zusammenfassung

Das Wachstum junger Zellen, ihr Stoffwechsel und mit letzterem auch ihre Tätigkeit werden durch verschiedenartige Faktoren und durcheinander gegenseitig beeinflußt. Abgesehen von einer ererbten Anlage, von der wir zur Zeit nur einiges zu vermuten vermögen, und von dem Einfluß der Ernährung auf das Wachstum des Organismus (s. voriges Kapitel), haben wir folgendes zu berücksichtigen: Das Wachstum eines Organs wird von seiner Tätigkeit beeinflußt, wie wir das schon bei der Arbeitshypertrophie und der Buheatrophie besprochen haben. Die Tätigkeit eines Organs vermag aber auch das Wachstum anderer Körperteile zu fördern, wie z. B. Muskeltätigkeit das Wachstum der Knochen, mit denen der tätige Muskel zusammenhängt. Ferner ist die Tätigkeit nicht nur vom Stoffwechsel abhängig, der die Energiequelle darstellt, sondern sie erhöht umgekehrt den Stoffwechsel. So wissen wir, daß Muskeltätigkeit die Kohlensäurebildung steigert; wir haben ferner im vorigen Kapitel den Einfluß der Muskeltätigkeit auf die Verbrennung der Fette, des Zuckers und auf die Harnsäurebildung kennen gelernt. Der Stoffwechsel wird ferner von der Bluttemperatur und wahrscheinlich auch durch giftige Stoffe, wie Alkohol, Chinin, und durch innere Sekrete beeinflußt. Fragen wir, wie und wodurch Tätigkeit das Wachstum fördert, so kann diese Frage zur Zeit nicht sicher beantwortet werden. Es kommen mehrere Faktoren in Betracht. Zunächst nehmen der Blutgehalt, die Blutdurchströmung und die Lymphabfuhr eines Organs im allgemeinen mit seiner normalen Tätigkeit zu, wie bei den Rumpf- und Extremitätenmuskeln. Dadurch werden nicht nur mehr Nahrungsstoffe zugeführt, sondern außerdem giftige Dissimilationsprodukte vollständiger abgeführt. Es ist aber nicht bewiesen und nicht einmal wahrscheinlich gemacht worden, daß arterielle Hyperämie ohne weiteres das Wachstum vermehrt. Dazu ist wahrscheinlich ein „Wachstumsreiz“ erforderlich (S. 279). Wir wissen andererseits, daß Wachstum auch ohne reichlichen Blutgehalt erfolgen kann, wie z. B. bei bettlägerigen anämischen Kindern. Ferner kommt als wachstumsfördernder Faktor die höhere Temperatur des tätigen Organs in Betracht. Wir wissen davon nichts Sicheres. Daß die Temperatur eines Organs durch Tätigkeit steigen kann, dürfen wir annehmen; es entsteht aber nur ein geringer Temperatur-unterschied, wenn nicht außerordentliche Umstände vorliegen. Sodann erheischt der Aktionsstrom eines tätigen Organs Beachtung. Bekanntlich ist er nicht nur in Muskeln, sondern auch in Drüsen, im Auge nachgewiesen. Seine Bedeutung für das Wachstum junger Zellen ist aber bis jetzt noch nicht untersucht worden. Allerdings haben Versuche von Müller-Hettlingen u. a. dargetan, daß das Wachstum von Pflanzen und Embryonen durch Elektrizität beeinflußt wird. Schließlich erheischt die Möglichkeit Nachforschung, daß gewisse Stoffwechselprodukte des tätigen Organs in gewisser Konzentration sein Wachstum anregen. Zu diesen Stoffwechselprodukten gehören auch die sogenannten Hormone oder inneren Sekrete oder Inkrete. Es ist von vornherein als möglich zu betrachten, daß ein inneres Sekret eines Organs das Wachstum dieses Organs oder das Wachstum anderer oder sämtlicher Organe beeinflußt. Nur solche Stoffe sind innere Sekrete oder Hormone (δρμάω = ich errege), welche das sekretorische Organ selbst oder andere Organe oder Gewebe, denen sie durch das Blut oder die Lymphe zugeführt werden, in ihrem Wachtum, Stoffwechsel oder Tätigkeit beeinflussen. Man muß ein inneres Sekret nicht nur im Venenblut bzw. der Lymphe des sezernierenden Organs, sondern auch im Schlagaderblut des beeinflußten Organs oder Gewebes nachweisen. Die Selbstbeeinflussung des sezernierenden Organs ist auf andere Weise zu prüfen. Außerdem hat man die Folgen der Reizung und des Wegfalls des Organs zu bestimmen (s. unten).

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Copyright information

© The Author, Leiden-Oegstgeest 1925

Authors and Affiliations

  • N. Ph. Tendeloo
    • 1
  1. 1.Pathologischen InstitutsReichs Universität LeidenNiederlande

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