Netzhautkorrespondenz

  • Franz Bruno Hofmann

Zusammenfassung

Zum Empfindungsinhalt des subjektiven Sehraums tragen stets die Erregungen beider Augen bei. Wir können im allgemeinen den vom verdeckten oder einer ganz gleichmäßig gefärbten Fläche zugewandten Auge herrührenden Anteil nur deswegen vernachlässigen, weil sich die Aufmerksamkeit dabei vorwiegend den Eindrücken des Auges zuwendet, dem ein Gesichtsfeld mit mannigfaltigem Inhalt dargeboten wird. Achtet man aber genau auf den Inhalt des Sehfeldes, so bemerkt man auch in diesem Falle die Mitbeteiligung der Erregungen des verdeckten oder auf einen gleichmäßigen Grund blickenden Auges an dem gelegentlichen Auftreten des Wettstreites, der besonders auffällig ist, wenn das eine Auge verdeckt wird und das andere auf eine gleichmäßig helle Fläche sieht (man vgl. auch das oben S. 47 über die Beeinflussung der Sehschärfe Gesagte). Daraus geht hervor, daß man beim normalen binokular Sehenden das eine Auge auf keine Weise völlig »vom Sehakt ausschließen« kann. Dieser Ausdruck bedeutet immer nur, daß man ein Auge durch Verdecken an der Betrachtung der dem anderen Auge dargebotenen Objekte verhindert, und daher seine Mitbeteiligung am Sehen auf die durch seine Eigenregungen bedingten Empfindungen, den »Lichtnebel« oder das »Eigengrau« beschränkt.

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Literatur

  1. 1).
    Man sieht die Art der Abbildung sehr hübsch an dem Optogramm, das Kühne durch Ausbleichung des Sehpurpurs eines Kaninchen auges mittels eines rechteckigen Fensters mit bogenförmigem Abschluß nach oben erhielt. Siehe die Abbildung bei Kühne (Arb. a. d. Heidelberger Inst, Bd. I, Tafel I, Abb. 3) und in Tigerstedts Lehrbuch der Physiologie.Google Scholar
  2. 1).
    Streng genommen durch die Zentren der Visierlinien. In der stark schematisierten Darstellung dieses Kapitels kann man aber unbedenklich statt des Zentrums der Visierlinien den Knotenpunkt und statt der Visierebene die Blickebene setzen.Google Scholar
  3. 1).
    Lindworsky (341 c) hat eine »psychologische Theorie des binokularen Einfachsehens« aufgestellt, die — eigentlich eine Wiederholung der Ansicht von Witasek (14, S. 110; in nuce schon Reichardt, 358 a) — auf der Grundannahme beruht, daß gleichzeitiger Reizung zweier gleich gebauter Endorgane durch denselben Reiz ein einziger Inhalt im einheitlichen Bewußtsein entspreche. Die Anwendung dieses Satzes auf das binokulare Einfachsehen setzt aber das zu Erklärende schon Yoraus, daß nämlich korrespondierende Netzhautstellen solche »gleichgebaute« Endorgane sind.Google Scholar
  4. 2).
    In der Spezialausführung, besonders in der funktionellen Deutung der Sehnervenkreuzung geht Ramon y Cajal von der Meinung aus, daß die Lage der Dinge im Sehraum von der Lage der erregten Stellen im Sehzentrum abhänge, dem Sehdinge also ein ganz analog angeordnetes, nur umgekehrtes Erregungsbild in der Sehsphäre entspreche, das dann »nach außen projiziert« werde. Diese Annahme läßt sich nicht halten. Die oben diskutierte Frage kann aber von dieser Spezialannahme gesondert behandelt werden.Google Scholar
  5. 1).
    Über die Funktion der durch den hinteren Teil des Balkens verlaufenden Verbindungsfasern zwischen beiden Sehsphären hatte schon Exner (320 b) auf Grund von Versuchen von Imamura (335 a) Betrachtungen angestellt, die über das oben Gesagte hinausführen und sich viel mehr mit den Annahmen Ramon y Cajals über die Funktion des Balkens decken.Google Scholar
  6. 1).
    Dazu steht die Annahme, daß die Erregung jedes einzelnen Zapfens von der des Nachbarzapfens gesondert werden kann (siehe oben S. 64) nicht in Widerspruch. Diese Annahme setzt ja nur voraus, daß die Erregung eines jeden Zapfens ein besonderes »Lokalzeichen« hat, also aus irgend einem Grunde, vielleicht gerade deshalb, weil sie zum Teil zu anderen Ganglienzellen hingeleitet wird, von der der Nachbarzapfen verschieden ist.Google Scholar
  7. 1).
    Nach Fischer (907) lassen sich die Panumschen korrespondierenden Empfindungskreise durch Übung von einem relativen auf einen absoluten Wert einengen. Vielleicht entspricht dem letzteren Wert der anatomische, dem ersteren der physiologische Anteil.Google Scholar
  8. 1).
    Die Mitwirkung von Gestaltfaktoren beim Wettstreit wies ferner neuerdings auch Gellhorn nach (324 a).Google Scholar
  9. 1).
    Die geschichtliche Entwicklung dieser Frage siehe bei Hofmann (334). Dort auch Literatur. Vgl. ferner Tschermak (373–375) und Bielschowsky (309).Google Scholar
  10. 1).
    Ammann (304) hat einen Schielenden mit anomaler Lokalisation beobachtet, der zwei sichtbare identische Halbbilder, von denen einem jeden Auge nur eines sichtbar war, wenn sie einander stark genähert wurden, durch sehr rasch abwechselnde Fixation (1 80 Wechsel in der Minute) mit jedem Auge zur Deckung und einer nach Intensität und Lokalisation vollkommen ruhigen binokularen Vereinigung brachte. Dieser Patient war also imstande, das Bild des einen Auges beim Wechsel der Fixation ganz stetig in das in der gleichen Richtung gesehene des anderen Auges übergehen zu lassen. Dieses Beharren des ersten Bildes erinnert etwas an die von Jaensch und seinen Schülern eingehend studierten lang anhaltenden »Anschauungsbilder« der »Eidetiker« (s. unten S. 460ff.), und man könnte am Ende sogar daran denken, daß die »eidetische Anlage«, die ja bei Jugendlichen besonders wirksam sein soll, auch bei der Ausbildung der anomalen Netzhautbeziehung eine Rolle spielt. Man müßte dann annehmen, daß beim abwechselnden Hinlenken der Aufmerksamkeit auf je eines der gleichartigen Bilder des Objektes in beiden Augen das jeweils beachtete den Charakter eines die Reizung überdauernden Anschauungsbildes annähme, das mit dem darauf folgenden Bild des anderen Auges auch lokalisatorisch zur Deckung gebracht wird. Wenn das der Fall sein sollte, müßte aber auch der normal sehende Eidetiker durch den Wechsel der Aufmerksamkeit die Bilder zweier nebeneinander befindlicher Objekte durch raschen Wechsel der Aufmerksamkeit zur lokalisatorischen Deckung bringen können, d. h. beide in einer Richtung sehen, was aber wohl unmöglich ist, weil sonst eine völlige Desorientierung bei ihm platzgreifen müßte. Der Nicht-Eidetiker kann es jedenfalls nicht.Google Scholar
  11. 1).
    Daß gar die normale Korrespondenz, wie Watt (1113) meint, bloß durch die Abbildung gleichartiger Formen in beiden Augen im Individualleben erworben ist, ist aus den früher angeführten Gründen ganz unwahrscheinlich.Google Scholar
  12. 1).
    Setzt man vor die geschlossenen Augen rechts ein rotes, links ein blaues Glas von möglichst gleicher Helligkeit, öffnet dann beide Augen zugleich und fixiert einen Punkt auf einer hellgrauen Wand oder auf einem weißen Blatt Papier, so erscheint im ersten Augenblick die linke Gesichtshälfte in der Farbe des Glases, das vor dem linken Auge sich befindet, die rechte in der Farbe des Glases vor dem rechten Auge, im obigen Falle also links rot, rechts blau. Nach kurzer Zeit wird der Unterschied allerdings durch den alsbald einsetzenden Wettstreit verwischt.Google Scholar
  13. 1).
    Wie weit die Unterdrückung exzentrischer Halbbilder gehen kann, zeigt die Beobachtung von Hyslop (959, S. 268), daß viele Personen bei dem Versuch, zwei nebeneinander befindliche gleiche Zeichnungen oder Münzen durch freiäugiges Stereoskopieren zu vereinigen, die seitlichen Doppelbilder überhaupt nicht zu sehen vermögen. Über das Verhalten von Hemianopikern in dieser Beziehung vgl. Best (307, S. 64).Google Scholar

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© Julius Springer in Berlin 1925

Authors and Affiliations

  • Franz Bruno Hofmann
    • 1
  1. 1.Universität BerlinDeutschland

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