Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie des Seelenlebens

  • Alfred Adler

Zusammenfassung

Die Frage ist müßig, ob eine Neurose ohne Einbeziehung des Sexualtriebes möglich sei. Hat er doch im Leben aller eine ähnlich große Bedeutung. Fragt sich also, ob in seinen Schicksalen der Anfang und das Ende, alle Symptombildungen der Neurose zu erblicken seien. Ich muß darauf mit einer kurzen Schilderung, — nicht des losgelösten Sexualtriebs, sondern seiner Entwicklung im Ensemble des Trieblebens antworten. Biologisch wäre die Auffassung nicht zu halten, daß jeder Trieb eine sexuelle Komponente habe, also auch der Freßtrieb, der Schautrieb, der Tasttrieb usw. Man muß vielmehr annehmen, daß die Evolution im organischen Reich zu Ausgestaltungen geführt hat, die wir uns als Differenzierung ursprünglich vorhandener Zellfähigkeiten zu denken haben. So ist dem Willen und der Not zur Assimilation ein Nahrungsorgan gefolgt, ein Tast-, Gehörs-, Gesichtsorgan dem Willen und Zwang zum Fühlen, Hören, Sehen, ein Zeugungsorgan dem Willen und Zwang zu Nachkommenschaft. Die Behütung aller dieser Organe war so sehr nötig, daß sie von zwei Seiten in Angriff genommen wurde: durch Schmerz- und durch Lustempfindung. — Da diese nicht genügte, durch eine dritte Sicherung, durch ein Organ der Voraussicht, das Denkorgan, das Gehirn. Auf dem Experimentierfelde der Natur finden sich Variationen aller drei Sicherungsgrößen. Der Anstoß kommt aus Angriffen in der Aszendenz, die Deszendenz weicht aus. Bald kommt es zu peripheren Defekten, bald zu erhöhten Schmerz- und Lustempfindungen im minderwertigen Organ. Der variabelste Anteil, das Zentralnervensystem, übernimmt die endgültige Kompensation. Es ist ein zweifaches Unrecht, den Begriff des minderwertigen Organs und den der „erogenen Zone“ Havelock Ellis’ zu konfundieren. Nur ein kleiner Teil der minderwertigen Organe zeigt erhöhte Lust- oder Kitzelgefühle im peripheren Anteil. Will man, wie Sadger versucht, einen minderwertigen Nierenleiter, eine Gallenblase, Leber-Pankreas, adenoide Vegetationen und Lymphdrüsen zu den erogenen Zonen zählen? Die Otosklerose zeigt nach neueren Untersuchungen einen Mangel des Kitzelgefühls im äußeren Gehörgang. Ferner: wo stellen Sie bei der Auffassung von den erogenen Zonen die Gehirnkompensation und Überkompensation hin?

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© J. F. Bergmann in München 1928

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  • Alfred Adler

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