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Spät-Syphilis und Huntingtonsche Chorea

  • F. Kehrer
Part of the Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie book series (MONOGRAPHIEN, volume 50)

Zusammenfassung

Gewisse ätio-analytische Schwierigkeiten ergeben sich bei den Choreafällen, und wiederum besonders den chronischen, sobald Anhaltspunkte für eine stattgehabte syphilitische Infektion vorliegen. Wenn es auch nicht berechtigt ist, die Frage aufzuwerfen, ob es überhaupt Wassermann-negative Fälle von Huntingtonscher Chorea gäbe, so trifft doch Meggendorfers Angabe zu, daß eine positive Wassermannsche Reaktion im Blute bei Huntington-Kranken verhält- nismäßig häufig gefunden wurde. Aber selbst der gelegentliche positive Ausfall mehrerer der „4 Reaktionen“ ist bei erblicher progressiver Chorea nicht verwunderlicher, als etwa der gleiche Befund bei einem bestimmten Prozentsatz der sich gesund fühlenden ärmeren Bevölkerung moderner Großstädte. Denn zweifellos leistet die Eigenart von Temperament und Naturell der Angehörigen von Huntington-Sippen, ihre Neigung zu losem Lebenswandel, Herumstreichen und Alkoholexzessen, ihr gesteigerter Geschlechtstrieb und ihre moralische Minderwertigkeit, sowie die Mischung von Hastigkeit und Indolenz dem Erwerb von Spirochäten und der Durchseuchung des Organismus infolge Unterlassung geeigneter Behandlung in erheblichem Maße Vorschub. Schon E. Schultze verweist auf die auffällige Häufigkeit von Lues und Alkoholismus bei seinen Kranken. Die 1911 geäußerte Annahme von Lorenz1, daß die Huntingtonsche Chorea zu den wenigen nicht-luetischen Erkrankungen des Centralnervensystems gehöre, die gelegentlich eine positive Wassermann sche Reaktion aufwiesen, beruht auf ungerechtfertigter Verallgemeinerung2. Seit der Veröffentlichung von Lorenz, die 2 Familien betraf, haben außer diesem selbst Entres, Hammerstein, Jakob, Meggendorfer (in 2 Familien), Peter, C. S. Freund und ich (2 Familien) bei einer ganzen Reihe einwandfreier Fälle von Huntingtonscher Chorea negativen „Wassermann“ im Blut bzw. negativen Ausfall der 4 Reaktionen festgestellt3.

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Literaturhinweise

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    Es erscheint daher nicht nötig, wenn es auch nicht uninteressant wäre, systematisch die Angehörigen von Huntington-Sippen serologisch durchzuuntersuchen.Google Scholar
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    Mit der Feststellung, daß zwei Huntington-Kranke meiner Beobachtung im Liquor-bild einzig und allein eine ganz spitze Mastixzacke aufwiesen, wie ich sie sonst noch nie beobachtet habe oder beschrieben finde, läßt sich vorläufig nichts anfangen.Google Scholar
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  8. 4.
    Ich glaube, die Autoren selbst, wie der Referent ihrer Arbeit, K. Mendel, werden mir auf Grund meiner weiteren Darstellung (insbesondere S. 49) beipflichten, wenn ich im Gegensatz zu ihrer Auffassung, wonach die Lues in diesem Falle die „Ursache der chronischen Chorea“ bzw. eine „Komplikation im Verlaufe der Hirnsyphilis oder der progressiven Chorea“ darstelle, hier die Anschauung für die richtige halte, daß es sich um ein einfaches Nebeneinander von milder Tabes mit Huntingtonscher Chorea gehandelt habe, von welch beiden Prozessen der letztere nur einen zeitlichen Vorsprung hatte und daher auch bis zuletzt die Szene beherrschte. Leider ist von den Autoren weder über den Zeitpunkt der syphilitischen Ansteckung, noch über den Manifestationsbeginn der Chorea bei anderen Angehörigen dieser Huntington-Sippe etwas angegeben.Google Scholar
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    nach Babonneix soll es sich um eine angeborene Syphilis gehandelt haben, nach Boas soll die Infektion noch während der Chorea minor eingetreten sein.Google Scholar
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    Es ist das Verdienst von Euzière und Pezet (1910, zit. nach Boas), die verschiedenen Arten des Zusammenhangs zwischen Chorea und Paralyse theoretisch abgeleitet zu haben.Google Scholar
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    Auf die ausschließlich histopathologischen Reihenuntersuchungen über das Befallenwerden der centralen Ganglien vom paralytischen Prozeß, wie sie neuerlich Spatz (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatrie 77, 352), Kalmin (ebenda 89, 310) und Stock ausgeführt haben, braucht hier nicht eingegangen zu werden, da sie bislang keine Aufklärung darüber gebracht haben, warum nur in so seltenen Fällen (z. B. nur in einem einzigen unter 16 Fällen von Spatz) choreatische oder verwandte Bewegungsstörungen gefunden wurden, obwohl das Striatum regelmäßig in ähnlicher Weise den paralytischen Prozeß erkennen läßt wie die Großhirnrinde (cf. Jakob). Wenn Stock (Zeitsehr. f. d. ges. Neurol, u. Psychiatrie 97, 424. 1925) behauptet, in 40 von 65 Fällen von Paralyse striäre Symptome gefunden zu haben, so ist er uns den Beweis für diese Behauptung schuldig geblieben.Google Scholar
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    Es geht daraus besonders deutlich hervor, wie wichtig für die ätiologische Forschung das engste Zusammenarbeiten von „Klinik“, Anatomie und Genealogie ist.Google Scholar

Copyright information

© Julius Springer in Berlin 1928

Authors and Affiliations

  • F. Kehrer

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