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Die Berufsstatistik

  • Wilhelm Winkler
Part of the Enzyklopädie der Rechts- und Staatswissenschaft book series (ENZYKLOPÄDIE, volume 12)

Zusammenfassung

Die Bezeichnung Beruf hat heute schon lange nicht mehr jenen metaphysischen Untergrund, den sie in früherer Zeit als gottgewollte Berufung besaß; denn die weitgehende moderne Zergliederung des Arbeitsprozesses hat eine große Anzahl von Berufsbetätigungen so mechanisiert, daß ein ähnliches inneres Verhältnis zu ihnen wie bei dem früheren Berufsbetrieb kaum mehr möglich ist. Beruf muß auch nicht mit Erwerb gleichbedeutend sein, obzwar sich diese beiden Begriffe in der Mehrzahl der Fälle decken; das Auseinanderfalien können wir am besten beim Hausfrauenberuf feststellen, der wohl Beruf, aber nicht Erwerb im gewöhnlichen Sinne des Wortes ist. Auch Beruf und Beschäftigung decken sich nicht durchaus. Wohl wird jeder Beruf eine Beschäftigung sein müssen, aber nicht jede Beschäftigung ein Beruf; ohne Zweifel enthält der Berufsbegriff mehr als der Begriff der Beschäftigung, sowohl stofflich, indem jede Beschäftigung spielerischer Art aus der Berufssphäre ausscheidet, als auch zeitlich, indem jede vorübergehende Beschäftigung ausscheidet. Wir haben daher an anderer Stelle2 den Beruf definiert als „diejenige ernste, dauernde, in der Regel auf Erwerb gerichtete Beschäftigung eines Menschen, die den Hauptteil seiner Tätigkeit in Anspruch nimmt“. Trotz gewissen Einwänden, die gegen diese Art, den Berufsbegriff zu fassen, erhoben werden könnten, möchten wir auch hier im wesentlichen daran festhalten. Daß die Berufsausübung in der Regel auf Erwerb gerichtet ist, ist gewiß kein Berufsmerkmal, sondern nur eine beiläufige Eigenschaft des Berufes, allerdings eine solche, die in vielen Zweifelsfällen eine leicbte Deutung ermoglicht (z. B. Berufsscbachmeister). „In der Regel auf Erwerb gerichtet“ stimmt trotz dem sehr häufigen Fall der Berufstätigkeit im eigenen Haushalte, der bei oberflächlicher Betrachtung als ein Ausnahmefall erscheinen könnte; die Tätigkeit der Hausfrau erhält und schafft Werte (Küchenwirtscbaft, Wohnungspflege, Kindererziehung, Kinderbekleidung usw.), die in der ursprünglicheren, im Abweicbungsfalle richtigeren naturalwirtscbaftlichen Betrachtung als „Erwerb“ gebucht werden müssen, wenn sie aucb in der geldwirtschaftlichen Betrachtung nur als „Ausgabenersparnis“ auftreten. Die Dauer unterscheidet die Berufstätigkeit von schnell wechselnden Beschäftigungen, Gelegenheitsarbeit u. dgl. Auch solche Tätigkeiten, die dem Dienstherrn nach wechseln, wie die des Musiklehrers, der Bedienerin, ja vielleicht in gewissem Rahmen auch nach der Art der Betätigung, wie Taglöhner, Hilfsarbeiter, sind keine Widerlegung des Dauercharakters des Berufes. Die größte Schwierigkeit bereitet die Abgrenzung der „ernsten“ Betätigung. Man könnte einwenden, daß „ernst“ ein relativer Begriff ist, und daß dem einen das ernst ist, was dem andern lächerlich erscheint. So richtig dieser Einwand an und für sich sein mag, er verliert seine Berechtigung, wenn wir nicht versuchen, dem Begriffe „ernst“ einen absoluten Sinn zu geben, sondern wenn wir unter „ernster“ Betätigung eine solche verstehen, die zur Befriedigung eines nach der wirtschaftlichen und sittlichen Einstellung der Mehrheit eines Volkes als ernst anerkannten Bedürfnisses dient. Alle wirtschaftlichen Berufe, wie sie die fortschreitende Arbeitsteilung geschaffen hat, alle Berufe, die in der Darbietung von Dienstleistungen für kulturell und sittlich anerkannte Bedürfnisse bestehen, sind durch diese Begriffsbestimmung eindeutig gedeckt. Betätigungen oder Dienstleistungen außerhalb der kulturell-sittlichen Sphäre (z. B. erwerbsmäßig betriebenes Einbrechertum, Bettelei, Prostitution), würden daher nicht unter die Bezeichnung „Beruf“ fallen, wenngleich sie ohne Zweifel einen „Erwerb“ darstellen können.

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© Verlag von Julius Springer · Berlin 1933

Authors and Affiliations

  • Wilhelm Winkler
    • 1
  1. 1.Universität WienÖsterreich

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