Eine Analyse der Gefordertheit

  • Wolfgang Köhler

Zusammenfassung

In Professor Perrys Werttheorie ist der wesentliche Begriff des Interesses an Dingen mit biologischen Überlegungen verknüpft. „Das Interesse“, sagt er, „muß innerhalb des Gebietes der Naturwissenschaft und in Zusammenhang mit der physischen Natur“ untersucht werden, weil die Schwächen aller Selbstbeobachtung „am auffälligsten ... in dem Gebiet der menschlichen Natur merkbar geworden sind, mit dem es die Werttheorie vor allem zu tun hat“. Wenn wir versuchen, „Interesse“ zu definieren, so müssen wir Ausdrücke anwenden wie „Begehren“, „Neigung“, „Streben“. Wenn wieder deren Sinn deutlich gemacht werden soll, dann müssen wir notwendig „auf das Verhalten des physischen Organismus“ zurückgreifen1. An dieser Stelle kann ich Professor Perry nicht recht beistimmen. Denn hier stehen wir vor einem der größten und schwierigsten Probleme der Naturphilosophie. Angenommen, daß Professor Perrys Theorie sich in der Tat auf biologischer Ebene bewegt, ist es dann wirklich ratsam, die Grundlegung einer allgemeinen Werttheorie von vornherein mit Annahmen über Interesse als eine Eigenschaft physischer Systeme zu belasten? Ich halte das nicht für angebracht. Gerade weil solche Annahmen später genauer diskutiert werden, will ich meine Betrachtung der Gefordertheit als solcher vorläufig von ihnen unabhängig halten.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    General Theory of Value, S. 141–144.Google Scholar
  2. 2.
    a. a. O., S. 177–178.Google Scholar
  3. 3.
    a. a. O., S. 144.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. Verf., Gestalt Psychology, Kap. 7.Google Scholar
  5. 5.
    In dieser Erörterung habe ich unterschieden zwischen Wahrnehmungen als Bestandteilen der phänomenalen Welt und den ihnen entsprechenden physikalischen Tatsachen in der physikalischen Umwelt. Ich weiß, daß einige Formen des modernen Realismus diese Unterscheidung ablehnen. In unserem Zusammenhang kann diese Frage jedoch nicht aufgeworfen werden. “Wir werden aufgefordert, Begriffe der Biologie anzuwenden. Und wenn für irgend etwas in der Biologie überwältigende Gewißheit besteht, so dafür, daß Wahrnehmungen auf Prozessen innerhalb des Organismus beruhen. Wie können sie dann mit Teilen der physikalischen Außenwelt identifiziert werden? Wir identifizieren doch die Sonne nicht mit einer chemischen Reaktion, die ihre Strahlen in einem empfindlichen chemischen Stoff hervorrufen, nachdem sie sich mehrere Minuten lang im astronomischen Raum fortgepflanzt haben. Biologisch ist die Wahrnehmung „Sonne“ nicht weniger weit entfernt von der physikalischen Sonne als es so eine chemische Reaktion ist. Vgl. auch Kap. IV, S. 80.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Gestalt Psychology, Kap. 1 und 7.Google Scholar
  7. 7.
    Die Mehrdeutigkeit solcher Ausdrücke wie Ich, objektiv, subjektiv, wirklich scheint mir so gefährlich, daß ich sie in den nächstfolgenden Abschnitten „Ich“, „objektiv“ usw. nennen will, wenn sie sich auf phänomenale Gegebenheiten beziehen. Dies Verfahren durchweg beizubehalten würde zu lästig sein. Ich werde jedoch zu ihm zurückkehren, wo eine deutliche Unterscheidung zwischen den phänomenalen und anderen Bedeutungen von Begriffen besonders schwierig und zugleich äußerst wichtig ist.Google Scholar
  8. 8.
    Sicherlich ist das induktive Verfahren der Naturwissenschaft mit allen ihren Hypothesen und Konstruktionen selbst ein Thema der Phänomenologie. Das heißt jedoch nicht, daß der Inhalt solcher Erklärungen und Konstruktionen mit rein phänomenologischen Aussagen vermischt werden soll.Google Scholar
  9. 9.
    Vgl. Kap. IV, S. 94.Google Scholar
  10. 10.
    Es ist noch nicht gebräuchlich, deutlich zwischen den verschiedenen Bedeutungen solcher Begriffe wie objektiv, subjektiv, Ich usw. zu unterscheiden. Infolgedessen schien es mir ratsam, in diesem Kapitel eine scharfe Trennungslinie zwischen den Begriffen zu ziehen, die mit der physikalischen Welt zu tun haben, und den anderen, die phänomenale Gegebenheiten betreffen. In dieser Hinsicht führen, glaube ich, Phänomene der „Transzendenz“ zu einer gewissen Komplikation. Einige von ihnen werden in anderen Kapiteln diskutiert werden. Wenn ich es schon hier täte, könnte das den Leser leicht verwirren.Google Scholar
  11. 11.
    K. Levin und seine Schule benutzen diesen Ausdruck häufig in ihren Schriften.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. Wertheimers Artikel in der Psychol. Forsch. 4, 1923; ferner Verfassers Bericht in Psychologies of 1925 und Psychologies of 1930 (ed. Murchison) ; Gestalt Psychology, Kap. 5 und 6; Koffkas Principles of Gestalt Psychology, 1935.Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Gestalt Psychology, Kap. 10.Google Scholar
  14. 14.
    Der Kürze halber gebrauche ich diese Ausdrücke in einem allgemeinen Sinn, so daß z. B. bei Furcht der negative Charakter dieser besonderen Verhaltensweise in die Kategorie „Ablehnung“ fallen würde.Google Scholar
  15. 15.
    a.a.O., S. 115 f.Google Scholar
  16. 16.
    Das würde wenigstens aus dem Satz folgen, daß „Wert eine spezielle Beziehung ist, in die Dinge zu interessierten Personen treten können“ oder daß „mit einem Interesse in Beziehung stehen die Rolle einer Eigenschaft einnimmt“. Aber wenn ein Stein, der intensivem Sonnenlicht ausgesetzt ist, warm wird, so ist doch seine Wärme, genau genommen, keine Beziehung zwischen Sonne und Stein. Unser Problem ist hier, ob Interesse sein Objekt so verändert wie das Sonnenlicht die Eigenschaften des Steines. (Vgl. auch General Theory of Valus, S. 28–34).Google Scholar
  17. 17.
    Daß der junge Mann vielleicht in seiner Überzeugung von der Anmut seines Objektes völlig allein steht, darauf kommt es hier natürlich gar nicht an. Für uns steht nur zur Debatte, ob diese Werteigenschaften in seinem Feld Eigenschaft des betreffenden phänomenalen Objektes ist oder nicht. Dasselbe gilt von unserem anderen Beispiel. Noch einmal: Die Objektivität, von der wir eben sprechen, bedeutet nicht notwendig zugleich Allgemeinheit oder allgemeine Gültigkeit. Natürlich, so muß vielleicht wiederholt werden, hat sie auch nichts mit physischer Existenz zu tun.Google Scholar
  18. 18.
    a.a.O., S. 31.Google Scholar
  19. 19.
    a. a. O., S. 32.Google Scholar
  20. 20.
    In seiner allgemeinen Form gilt dieses Argument gegen die Prüfung durch neutrale Aufmerksamkeit auch dann, wenn, wie ich glaube, viele “Werteigenschaften nicht subjektiven Interessen entstammen, sondern den betreffenden phänomenalen Objekten selbständig innewohnen.Google Scholar
  21. 21.
    a. a. O., S. 31.Google Scholar
  22. 22.
    Journ. of Philos., Psychol. and Scient. Meth. 13 (1916).Google Scholar
  23. 23.
    Daß die Abgrenzung dieser Einheiten keine absolute ist, daß sie nur verhältnismäßig unabhängige Bestandteile größerer Zusammenhänge sind, braucht kaum betont zu werden.Google Scholar
  24. 24.
    Dieser englische Ausdruck ist nicht leicht zu übersetzen. In vielen Fällen würde „irrtümliche Gefühlsübertragung“ wohl ungefähr die richtige Bedeutung wiedergeben.Google Scholar
  25. 25.
    Ich kann hier nicht die Terminologie akzeptieren, die K. Lewin in verschiedenen Schriften und Koffka in seinen „Principles of Gestalt Psychology“ angewendet haben. Objekte gedanklicher Art sind gewisse Funktionen organischer Prozesse, aber das sind alle Wahrnehmungen auch. Wenn wir bei den letzteren oft Grund haben, phänomenale „Objektivität“ von genetischer Subjektivität zu unterscheiden, so gilt derselbe Grund auch für Denk-Objekte, die phänomenal sehr „objektiv* sein können. Unklarheit in diesen Dingen wird leicht theoretische Irrtümer veranlassen.Google Scholar
  26. 26.
    Funktionell sind meine Ding-Wahrnehmungen natürlich in demselben Sinn meine Wahrnehmungen, wie meine Denk-Objekte mein individuelles Eigentum sind. Der naive Realismus glaubt freilich, daß eine gegebene Ding-Wahrnehmung der gemeinsame Besitz mehrerer Menschen sein kann, und der New Realism vertritt eine ähnliche Anschauung. (Vgl. Kap. IV.) Sowohl Ding-Wahrnehmungen wie Denk-Objekte sind funktionell subjektiv und können trotzdem für das phänomenale Ich phänomenal objektive Dinge sein.Google Scholar
  27. 27.
    Ich schließe natürlich nicht die Fälle ein, wo in einer Dichtung Bäumen, Bergen und anderen Dingen Gedanken und Sprache zugeschrieben werden. Niemand würde behaupten, daß er dort solche Vorgänge wahrnimmt wie Denken und Sprechen. Aber Donner wird häufig als drohend gehört, und die Haltung eines Bettlers kann als fordernd angesehen werden.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. Gestalt Psychology, Kap. 7.Google Scholar
  29. 29.
    E. C. Tolman, Purposive behavior in animals and men. 1932.Google Scholar
  30. 30.
    Das Problem gültiger Gefordertheiten hat Wertheimer eingehend diskutiert; vgl. Some Problems in the Theory of Ethics. In: Social Research 2, 353 ff. (1935).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1968

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Köhler

There are no affiliations available

Personalised recommendations