Allgemeiner Teil

  • Walter Ritter von Baeyer
  • Heinz Häfner
  • Karl Peter Kisker

Zusammenfassung

Wir halten es für zweckmäßig, den späteren empirischen Kapiteln eine kurze, soziologisch orientierte Erörterung des Terrors voranzustellen. Damit sollen die psychiatrisch-gutachtlichen Ausführungen, in denen die „Verfolgungsbelastung“ gewissermaßen als wertfreies Faktum gesehen wird, vor den Hintergrund des Zeitgeschehens gerückt werden.

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. Eugen Kogon: „Der SS-Staat — das System der deutschen Konzentrationslager“, 5. Aufl. Berlin 1954: Ein Werk, das sowohl über die eigenen Erlebnisse des Verfassers als Konzentrationslagerhäftling, über die Organisation und das Wirken der zivilen SS, wie auch allgemein über das Terrorsystem der Nazis sehr eingehend und anschaulich informiert.Google Scholar
  2. 1a.
    Gerald Reitmüller: „Die Endlösung — Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939–1945“, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von J. W. Bürgen, Berlin 1956: auf reichhaltigem dokumentarischem Material fußend, auch statistische Angaben enthaltend.Google Scholar
  3. 1b.
    Hanna Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Frarikfurt am Main 1955: Historische Forschung, soziologische Analysen, philosophische Wesensbestimmung der totalitären Herrschaft.Google Scholar
  4. 1c.
    Carl J. Friedrich: „Totalitäre Diktatur“, Stuttgart 1957.Google Scholar
  5. 1d.
    Tiefer in die psychologischen Probleme des Lebens unter der NS-Diktatur als die zuletzt genannten mehr historisch — politisch — soziologisch orientierten Werke dringt das Buch von Wanda von Baeyer-Katte : „Das Zerstörende in der Politik—eine Psychologie der politischen Grundeinstellung“, Heidelberg 1958. Es behandelt vorwiegend das Verhalten des unpolitischenDurchschnittsmenschen in Deutschland unter dem Einfluß der nationalsozialistischen Propaganda und unter dem Druck der sog. Gleichschaltung. Dabei ergeben sich Ausblicke auf das breite Umfeld des Terrors bei den nicht unmittelbar Betroffenen, auf dessen individual-, gruppen-und mengenpsychologische Beantwortung von Seiten nicht verfolgter, aber unter Meinungsdruck gesetzter Durchschnittsbürger. Darin auch ein Kapitel „Fanatiker und Kriminelle“ über unmittelbare Terrorfiguren, soweit sie in der passiven Bevölkerung sichtbar wurden und in ihr charakteristische Reaktionen hervorriefen (S. 211 ff). — Endlich: Eva G. Reichmann: „Flucht in den Haß“, Frankfurt am aino. J.: Behandelt die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe. Historische, soziologische und sozialpsychologische Analyse des Antisemitismus in Deutschland von der Judenemanzipation bis zu den Märzwahlen 1933. Darstellung des radikalen Antisemitismus der Nationalsozialisten und Untersuchung der Gründe, „warum sie unter ihren übrigen Missetaten gerade dem Verbrechen an den Juden einen grauenhaften Vorrang gaben“.Google Scholar
  6. 1.
    Für die vorliegende Arbeit wurden verwendet außer dem erwähnten Standardwerk von Kogon die Berichte von Adelsberger, H. G. Adler, Bettelheim, Bondy, Cayrol, Cohen, Kautsky, Kral, Frankl, Levi, Lingens-Reiner, Rousset, Tas, Utitz, u. a.Google Scholar
  7. 1.
    Londoner Gesamtausgabe, Bd. V, S. 209.Google Scholar
  8. 1.
    Bemerkenswerterweise wurde im Koreakrieg bei amerikanischen Kriegsgefangenen in kommunistischem Gewahrsam ganz Ähnliches beobachtet, eine sog. give-up-itis, die Krankheit der Selbstaufgabe, die zum Tode führte. „The prisoner simply became apathetic, listless, neither eat nor drank, helped himself in no way, stared into space an finally died“ (Wolff).Google Scholar
  9. 2.
    vgl. dazu Reitlinger S. 59 ff und S. 306 ff und Erlebnisberichte aus dem Ghetto von Jeanette Wolff, Mary Berg, Jakob LittnerGoogle Scholar
  10. 1.
    Vgl. dazu das bekannte Tagebuch der jugendlichen Anne Frank und die Aufzeichnungen des zwölfjährigen Knaben David Rubinowicz.Google Scholar
  11. 1.
    Häufigkeitswerte vegetativer Reaktionen bei amerikanischen Kampftruppen des 2. Weltkrieges in und unmittelbar vor dem Einsatz bei Menninger, zit. nach J.-E. Meyer, S. 575.Google Scholar
  12. 1.
    Pansel. c. Vgl. Protokoll 52 m, S. 242f.Google Scholar
  13. 2.
    Panse1. c. ProtokoU 18 m: Zwangsantrieb, sich in die Flammen zu stürzen.Google Scholar
  14. 1.
    Vgl. dazu von Baeyer im Handbuch der Neurosenlehre und Psychotherapie, hersg. von Frankl, von Gebsattel und J. H. Schultz, München und Berlin 1959, Bd. I, S. 660ff.Google Scholar
  15. 1.
    Über weitere Situationen, in denen im zweiten Weltkrieg Hysterismen und demonstrative Zweckreaktionen gehäuft auftraten, z. B. auch bei deutschen Soldaten in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern nach der Kapitulation, vgl. den Handbuchbeitrag von J. E. Meyer.Google Scholar
  16. 1.
    Der von Pflanz geforderte statistische Nachweis dieses stets auch Ausnahmen zulassenden Wandels im Stil und Bild abnormer Erlebnisreaktionen läßt sich freilich nur schwer erbringen.Google Scholar
  17. 1.
    S. Freud, als Begründer der Tiefenpsychologie, fußend auf den Grundvorstellungen der Physiologie und allgemeinen Biologie seiner Zeit, hat die Lehre vom affektiv bedingten psychischen Trauma nach dem Muster von Reiz und Reaktion prägnant formuliert, im Gegensatz zur klinischen Psychiatrie aber eine Dauerstörung angenommen: Ein traumatisches Erlebnis bringt dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reizzuwachs, „daß die Erledigung oder Aufarbeitung desselben in normgewohnter Weise mißlingt, woraus dauernde Störungen im Energiebetrieb resultieren müssen“ (Londoner Gesamtausgabe Bd. 11, S. 283).Google Scholar
  18. 1.
    Im Abschnitt IV dieser Untersuchung wird eine psychodynamische Analyse der durch Extrembelastungen bewirkten Verunsicherung der mitmenschlichen Beziehungen versucht. Es wird sich dabei zeigen, daß über die triebmechanischen Vorstellungen der historischen Psychoanalyse hinaus ein einheitliches Verständnis der Phänomene zu erreichen ist, wenn anthropologische und neuere ich-analytische Gesichtspunkte verknüpft werden.Google Scholar
  19. 1.
    Im Zuge der neueren Ausrichtung der Psychoanalyse auf ich-psychologische Fragestellungen hat das Problem der traumatischen Kriegsneurose durch A. Kabdiner (USA 1941) eine neuartige Behandlung gefunden. Die Frage der frühneurotischen Prädisposition wird bei Kardiner zurückgestellt gegenüber der von Freud aufgeworfenen Frage, wie das aktuelle Ich mit dem affektiven „Reizzuwachs“ fertig wird: Das im Ich zentrierte „Aktionssyndrom“ erleidet durch plötzliche Umweltveränderung, der das Individuum nicht gewachsen ist, in seinen etablierten Anpassungen an die Umwelt Störungen vom Charakter der Hemmung. Die Hemmungen betreffen in erster Linie das Körper-Ich, seine sensorischen, motorischen, koordinierenden Funktionen (orientation, motility, manipulation). Das Ich als Ganzes kontrahiert sich, schrumpft zusammen, hat sich in seiner gewandelten Struktur neu an die Umwelt anzupassen. Dabei gewinnt die Umwelt ein anderes Aussehen. Sie erscheint überwältigend, anstatt wie früher beherrschbar. Auch die Selbstwahrnehmung verändert sich, und zwar im Sinne der Hilflosigkeit und Selbstunsicherheit. Die Konsequenzen dieser Ichveränderung sind vermindertes Interesse an der Welt, Desorganisation der psychomotorischen Aktivität bis zum epileptischen Anfall, Störungen des traumatisch nicht hemmbaren, aber aus seiner zweckmäßigen Verbindung mit dem „Aktionssyndrom“ gelösten autonomen Nervensystems, Arbeitshemmung, verminderte Leistungsfähigkeit, Katastrophenträume — kurz die ganze bunte Symptomatik der „traumatischen Neurose“, wie sie sich in und nach dem ersten Weltkrieg in mannigfaltigen Hysterismen darbot. — In der Anwendung psychoanalytischer Gesichtspunkte auf traumatisches Geschehen dominiert dann bei Bastiaans (1957) wieder das lebensgeschichtliche Moment, und zwar in Gestalt bestimmter, pathogenetischer Präformierungen des Überichs, aus denen sich bei wechselnden Anforderungen von seiten der sozialen Umwelt „Norm- und Idealzweifel“, Konflikte, störungserregende Anpassungsschwierigkeiten ergeben.Google Scholar
  20. 1.
    Weitere kasuistische Beiträge zu phobischen Fehlhaltungen nach Unfällen finden sich bei v. Gebsattel und O. Hallen. Nach letzterem Autor hinterlassen Verkehrsunfälle häufig und meist reversibel isolierte situationsgebundene Verkehrsängste, manchmal aber auch sich generalisierende, mit vegetativen Begleiterscheinungen verbundene Phobien, wobei biographische Momente vor dem Unfall diesem einen spezifischen SteUenwert verleihen. Für die Entstehung isolierter Phobien ist bedeutungsvoll, daß der Geschädigte zugleich der am Unfall Unschuldige ist, der unerwartet seine Ohnmacht und Unterlegenheit erfährt.Google Scholar
  21. 2.
    Vgl. auch E. Kretschmer, Medizinische Psychologie, 10. Aufl., S. 209 „und gerade Schreck-und Angstreaktionen sind in ihrem Eintritt und in ihrer Stärke oft in hohem Grade von sphärischen Konstellationen abhängig“.Google Scholar
  22. 1.
    Für das Folgende vgl. Viktor E. Freiherr von Gebsattel: Die phobische Fehlhaltung, im Hdbch. der Neurosenlehre und Psychotherapie, München-Berlin 1959, Bd. III, S. 102 ff.Google Scholar
  23. 1.
    Vgl. dazu den von J. M. Tanner herausgegebenen Bericht über die Konferenz in Oxford:Google Scholar
  24. 1.
    Vgl. Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit im Versorgungswesen, Bonn 1954.Google Scholar
  25. 1.
    Kraepelin verstand unter Entwurzelung im wesentlichen die schicksalsmäßige oder persönlichkeitsbedingte Auflösung der Familienbande und schrieb ihr nur vermutungsweise „eine gewisse Rolle für die ungünstige Entwicklung der seelischen Persönlichkeit“ zu.Google Scholar
  26. 1.
    Als Leiterin des Psychotherapeutischen Dienstes der Eidgenössischen Zentralleitung der Lager und Heime konnte Maria Pfister-Ammende reichhaltige Erfahrungen an den verschiedensten in und nach dem 2. Weltkrieg in die Schweiz gelangten Flüchtlingsgruppen sammeln und auswerten.Google Scholar
  27. 2.
    Ein sozialer Wechsel an sich ist in verschiedener, keineswegs gesetzmäßiger Weise mit der Bewegung der Schizophrenieziffern, gemessen an der Hospitalisierung, korreliert. Diese Ziffern sinken auch in manchen Fällen von rapider sozialer Veränderung. Murphy meint, daß sich ein Anwachsen der Schizophrenieziffern bei sozialen Veränderungen konstatieren lasse, wenn diese Veränderungen mit der zusätzlichen Erwartung einer Neuanpassung verbunden sind und klare Maßstäbe für die erwartete Anpassung fehlen.Google Scholar
  28. 1.
    Ebenso eindrucksvoll sind gewisse Unterschiede, die zwischen der hohen Selbstmordhäufigkeit von polnischen Emigranten in Groß-Britannien nach Murphy und der auffallend geringen Selbstmordhäufigkeit bei den Ungamflüchtlingen, die nach Österreich kamen, dort begeistert aufgenommen wurden und in psychohygienisch betreuten Lagern lebten (nach Hoff u. Strotzka, zit. nach Pfister-Ammende).Google Scholar
  29. 1.
    Die neuere Psychoanalyse stellt die Abwehrmechanismen des Ich (Kabdiner) und später wiederum lebensgeschichtlich determinierte Konflikte (Bastiaans) in den Vordergrund.Google Scholar
  30. 1.
    Vgl. dazu auch: „Les enfants de Buchenwald“, Genf 1946.Google Scholar
  31. 1.
    Hoffmeyer u. Wulff (Dänemark) erwähnen akustische Halluzinationen bei einem politischen Häftling, der 2 bis 3 Wochen lang täglichen Verhören ohne Folterung unterworfen war. Wolf u. Ripley erwähnen einen psychopathisch-kriminellen USA-Soldaten, der während der Mißhandlungen durch japanisches Lagerpersonal jegliches Schmerzempfinden ausschalten konnte, in den Tagen danach aber die Folterszenen halluzinatorisch unter Weinen, Schreien und Sichwinden wiederbelebte. Dieser Mann bot auch noch nach der Befreiung das Bild einer kompletten hysterischen Analgesie.Google Scholar
  32. 1.
    Aus Strauss, H.: Psychiatric Disturbances in Victims of Racial Persecution, a. a. 0.Google Scholar
  33. 1.
    Auch nach Huk (Österreich) herrscht bei den rein passiven Opfern des Rassenwahnes die Depression vor, während politisch Verfolgte trotz ähnlicher Schicksale und schwerer Gesundheitsschädigungen aktiv und lebensfroh blieben.Google Scholar
  34. 1.
    Die Arbeit stammt aus der Nervenabteilung des Allgemeinen Arbeiterkrankenhauses in Haifa.Google Scholar
  35. 1.
    Vgl. Famine Disease 1. c.Google Scholar
  36. 1.
    Vgl. dazu vor allem den Kommentar zum BEG von Blessin, Ehrig und Wilden, 3. Aufl. 1960, und insbesondere zu den Gesundheitsschaden die kurzgefaßte, übersichtliche, zur Information des ärztlichen Gutachters sehr geeignete Darstellung von Wilden.Google Scholar
  37. 1.
    RzW 11, 453,1960.Google Scholar
  38. 1.
    BGH-Urteil vom 29. 2.1956 — VI ZR 352/54.Google Scholar
  39. 2.
    BGH-Urteil vom 10. 6.1960 — RzW 12, 115, 1961.Google Scholar
  40. 1.
    BGH-Urteil vom 25. 9.1957 — RzW 9, 20,1958.Google Scholar
  41. 2.
    Vgl. 2 DV-BEG und BGH-Urteil vom 25. 9. 1957 — RzW 9, 20, 1958.Google Scholar
  42. 1.
    BGH-Urteil vom 6.12.1957 — RzW 9, 196, 1958.Google Scholar
  43. 2.
    BGH-Urteil vom 30. 5.1962 — RzW 13, 425, 1962.Google Scholar
  44. 3.
    BGH-Urteil vom 15.10.1958 — RzW 10, 91, 1959.Google Scholar
  45. 1.
    BGH-Urteil vom 6.12.1957 — RzW 9, 196, 1958.Google Scholar
  46. 2.
    RzW 12, 103, 1961.Google Scholar
  47. 3.
    RzW 11, 453, 1960.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag OHG. Berlin · Göttingen · Heidelberg 1964

Authors and Affiliations

  • Walter Ritter von Baeyer
    • 1
  • Heinz Häfner
    • 1
  • Karl Peter Kisker
    • 1
  1. 1.Psychiatrischen und Neurologischen KlinikUniversität HeidelbergDeutschland

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