Ehe und Liebe

  • V. E. Freiherr Von Gebsattel

Zusammenfassung

In der Vorstellung des Abendlandes vom Wesen der Ehe hat sich eine Wandlung vollzogen, deren Zeitpunkt ins Ende des Mittelalters fällt, deren Natur als Verweltlichung und Verbürgerlichung der Ehe am besten gefaßt wird. Entsprechend der zunehmenden Vorbildlichkeit des bourgeoisen Menschen1 innerhalb der abendländischen Gesellschaft ist die Ehe in steigendem Maße ihres überweltlichen, sakramentalen Charakters entkleidet worden. Ihr Mysteriengehalt, für St. Paulus, für die Patristik und Scholastik eine Selbstverständlichkeit, ist stufenweise verlorengegangen. Diese Säkularisierung der Ehe nimmt mit Luther ihren nachweisbaren Anfang. Kein „Sakrament“ mehr im eigentlichen Sinn des Wortes ist sie ihm ein „rein äußerlich und leiblich Ding“, eine „weltliche Hantierung“, ein Stand „wie Obrigkeit und Magistrat“. Der Versuch des katholischen Mittelalters, die Ehe über die naturgegebene Ordnung der Dinge zu erhöhen und der „Welt“ zu entreißen, scheitert wie an Luthers erotischem Naturalismus, so an seinem radikalen Pessimismus angesichts des Geschlechtstriebes und angesichts der unsublimierbaren Eigengesetzlichkeit einer im innersten unheiligen Welt. Der sexuelle Akt, für Luther die zentrale Äußerung der Konkupiszenz, partizipiert an der Sündhaftigkeit dieses Konkupiszenzmomentes. Zwar wird, entsprechend seiner eigenartigen Theorie der Anrechnung, wegen Gottes Barmherzigkeit das sexuelle Liebesleben den Eheleuteri nicht angerechnet, der Stoff dieses Lebens jedoch bleibt in die Wertsphäre des Sündhaften eingetaucht.

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© Springer-Verlag OHG. Berlin Göttingen Heidelberg 1954

Authors and Affiliations

  • V. E. Freiherr Von Gebsattel
    • 1
  1. 1.Universität WürzburgWürzburgDeutschland

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