Neurotische Reaktionen und funktionelle Störungen des vegetativen Systems

  • R. Siebeck

Zusammenfassung

Der Begriff „Neurose“ ist heute sehr umstritten und es fehlt nicht an Stimmen, die ihn ganz ablehnen. Das ist zum guten Teil auf zahlreiche Mißverständnisse und Mißbräuche zurückzuführen, die durch seine wechselnde und oft auch schwankende Bestimmung entstanden sind. Ursprünglich nannte man die Erkrankungen des Nervensystemes „Neurosen“, deren anatomische Grundlage noch unbekannt war, so die Chorea, Paralysis agitans und viele andere. Mit dem Ausbau der pathologischen Anatomie des Nervensystemes wurde der Bereich mehr und mehr eingeschränkt, während zugleich tiefer greifende Beobachtungen bei „funktioneilen Störungen“ zu grundsätzlich neuen Erkenntnissen führten: man lernte die Bedeutung psychischer Zusammenhänge kennen. Damit trat eine Betrachtungsweise in die Medizin, die zwar in der praktischen Arbeit der Ärzte nie fehlte, die aber doch der Struktur der „Lehre“ und der Wissenschaft so fremd war, daß Bedenken und Mißtrauen vielfach nicht überwunden werden konnten. Dennoch hat sich mehr und mehr die Auffassung durchgesetzt, nach der der Begriff durch die psychische Dynamik bestimmt wird. Dazu muß aber zweierlei ausdrücklich hervorgehoben werden: wenn die psychische Pathogenese betont wird, so kann das niemals eine Ausschließung der somatischen bedeuten, denn es gibt „keine Seele ohne Leib“. Der Begriff der Neurose hat grundsätzlich eine andere Bedeutung als etwa der der Pneumonie, des Herzfehlers oder dergleichen. Mit dem Begriff ist ein besonderes pathogenetisches Prinzip gemeint. Seine Bedeutung tritt wohl bei manchen Erkrankungen so sehr hervor, daß es für ihre Beurteilung und Behandlung geradezu entscheidend ist — in diesen Fällen spricht man eben von „Neurosen“. Aber grundsätzlich reicht dieses pathogenetische Prinzip sehr viel weiter, so daß man sagen kann, es sei eigentlich nie ganz belanglos, denn es gibt auch „keinen Leib ohne Seele.“ Man kann der Besonderheit des Begriffes dadurch Rechnung tragen, daß man das Hauptwort „die Neurose“ vermeidet und es vorzieht, das Beiwort „neurotisch“ zu gebrauchen, oder auch, um die Persönlichkeit zu kennzeichnen, von einem „Neurotiker“ spricht.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Bernheim: Studien über Hypnotismus, Suggestion und Psychotherapie (von Freud übersetzt). Leipzig u. Wien 1892.Google Scholar
  2. Birnbaum: Die psychischen Heilmethoden. Leipzig 1927.Google Scholar
  3. Bumke: Psychopathische Zustände, Einstellungen und Entwicklungen. Handbuch der inneren Medizin, herausgeg. von v. Bergmann, Staehelin u. Salle, Bd. V/2, 3. Aufl. Berlin 1939.Google Scholar
  4. Dubois: Die Psychoneurosen und ihre seelische Behandlung, 2. Aufl. Bern 1910.Google Scholar
  5. Hollmann: Krankheit, Lebenskrise und soziales Schicksal. Schriftenreihe zur Dtsch. med. Wschr. H. 4 (1940).Google Scholar
  6. Kronfeld, A.: Psychotherapie, 2. Aufl. Berlin: Springer 1925.Google Scholar
  7. Mohr: Psychophysische Behandlungsmethoden. Leipzig 1925.Google Scholar
  8. Schneider, Kurt: Die psychopathischen Persönlichkeiten, 8. Aufl. Wien 1946.Google Scholar
  9. Schultz, J. H.: Seelische Krankenbehandlung, 5. Aufl. Jena 1930.Google Scholar
  10. Das autogene Training, A. Leipzig 1940.Google Scholar
  11. Schultz-Henke: Einführung in die Psychoanalyse. Jena 1927.Google Scholar
  12. Siebeck, Schultz-Henke u. v. Weizsäcker: Über seelische Krankheitsentstehung. Schriftenreihe zur Dtsch. med. Wschr. H. 3 (1939).Google Scholar
  13. Schwarz: Psychogenese und Psychotherapie körperlicher Symptome. v. Weizsäcker: Soziale Krankheit und soziale Gesundung. Berlin: Springer 1930.Google Scholar
  14. Fälle und Probleme. Stuttgart: Enke 1947.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1949

Authors and Affiliations

  • R. Siebeck

There are no affiliations available

Personalised recommendations