Wandlungen der Selbstverfügbarkeit des Schizophrenen

  • K. P. Kisker
Part of the Monographien aus dem Gesamtgebiete der Neurologie und Psychiatrie book series (MONOGRAPHIEN, volume 89)

Zusammenfassung

Der Versuch einer psycho(patho)logischen Aufhellung jenes Eigenganges, wie er in den verschiedenen Verlaufsgestalten des schizophrenen Erlebniswandels sinnfällig wird, geriete ins Bodenlose, begrenzte er sich nicht zunächst auf einfachste klinische Sachverhalte. Aus der Mannigfaltigkeit solcher Verläufe greifen wir in idealtypischer Schau die kontinuierliche Gliederreihe eines schizophrenen „Schuhes“ heraus. Die überindividuelle Typik und strukturelle Gleichförmigkeit dieses Initialgeschehens — häufig als Argument gegen psychologische Deutungsbemühungen und für biologisch fundierte Ablaufrhythmen gewertet — kann auch zur psychopathologischen Analyse anregen, da sie einheitlich-geschlossene Erlebnisgestaltungen umfaßt, deren relative Sinnhaftigkeit unmittelbar evident wird. Die klinische Alltagserfahrung der in einer leeren Unheimlichkeit anhebenden Wahnstimmung, die über ein Stadium akuter Erregung (sei sie nun kataton, paranoid oder halluzinatorisch ausgestaltet) in eine Phase mißlingender Verarbeitungsversuche und in den sogenannten Defekt führt, schließt die Verführung in sich, diesen Vorgang deskriptiv-registrierend, allenfalls unter Berücksichtigung „pathoplastischen Beiwerkes“, als eine dem Schizophrenen „schicksalsmäßig“ aufgezwungene Uniform zu nehmen und damit auf tieferes psychologisches Verständnis zu verzichten.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. 1.
    Die klinisch-psychopathologische Gesamtlage initialer Schizophrenien wird an einer Gruppe jugendlicher Ersterkrankter a. a. O. dargestellt werden.Google Scholar
  2. 1.
    Solche Formen wurden von Rümke eingehend beschrieben.Google Scholar
  3. 1.
    Die unterschiedlichen klinischen Wahnformen wurden als geschlossene Erlebnisausprägungen von Betzendahl dargestellt.Google Scholar
  4. 1.
    Angeregt durch eine Studie Rümkes („Vakantiereizen als conditionerende factor bij het ontstaan van psychische stoornissen“), verweisen wir nur am Rande auf die eigentümliche Rolle, die der Reise am Tage der ausbrechenden Psychose zukommt. Rümke betont ihre Funktion als magische Auflöserin von Lebensschwierigkeiten, als Eröffnung erotischer Freiheiten gegenüber sonst gemiedenen Partnern, vor allem die Bedeutung der Anonymität für den Reisenden und bringt instruktive Fallschilderungen.Google Scholar
  5. 1.
    Die im folgenden versuchte Differenzierung der Erlebnisdynamik und Funktionsdynamik des Wahns hat einen anderen Sinn als die von Kant in den dreißiger Jahren unternommene Abhebung einer phänomenologischen von einer dynamischen Wahnforschung. Die letztere war für Kant durch ein Zusammengehen kausaler Erklärung (durch somatische, konstitutionelle und Triebfaktoren) und finaler charakterologischer Deutung bestimmt (s. auch Bak).Google Scholar
  6. 1.
    Husserl rückte die Verschränkungen von Leiblichkeit und Welthaben in eine neuartige Perspektive. „Nun finden wir aber am Faktum der gegebenen Wahrnehmungsmannigfaltigkeit der uns durch sie gegebenen Welt dieses Merkwürdige, daß für jeden Erkennenden eine Gesetzlichkeit und geregelte Abhängigkeit besteht, wonach er einen Leib hat und die Erscheinungen aller anderen leiblichen Dinge von seinen leiblichen Erscheinungen (erscheinungsmäßigenGoogle Scholar
  7. 1.
    Die Bedeutung des früher überforderten Aufmerksamkeitsbegriffes für das Halluzinations-problem wurde vor nahezu drei Jahrzehnten durch Mayer-Gross eingeschränkt. Aufmerksamkeit ist nicht unabhängig vom Wahrnehmungsvollzug definierbar, dessen Anomalien von ihr abgeleitet werden sollen.Google Scholar
  8. 1.
    Storch spricht neuerlich diesen polaren Aspekten einen „Letztheitscharakter“ zu: der grenzenlosen wahnhaften Verwirklichung eigener Lebensmöglichkeiten steht ein ebenfalls grenzenloses „Verwehrt- und Verweigert-sein der Selbstverwirklichung“ gegenüber. Eine Auflösung der „Grenzen zwischen dem eigenen und dem Fremdraum, zwischen der eigenen und der fremden Leibesgestalt und Geschlechtlichkeit, den eigenen und den fremden Spielräumen und Machtbereichen“ greift Platz. Die psychotische „Entgrenzung“ zwischen dem eigenen und dem fremden Lebensraum“ ermöglicht nach der Sicht Storchs gemeinsam mit anderen Strukturwandlungen das im Wahn sich vollziehende Offenbarwrerden eines Anspruchs auf „eigenstes Selbstsein“ — womit zugleich eine Beziehung zur Schuldproblematik sich erschließt. Darauf ist später einzugehen (s. S. 98).Google Scholar
  9. 1.
    Wenn man den klinischen Schizophoreniebegriff an das Charakteristikum des dekeären Verlaufes koppelt, entfällt die Remissionsproblematik überhaupt. Ey, ein moderner Vertreter dieser Kraepelin-Doltrin, nimmt nicht nur, der französischen Gewohnheit entsprechend, Wahn-bilder aus der Schizophrenie heraus sondern deklariert auch andere Verläufe, die nicht zu „fortschreitender Zerrüttung“ führen, als. „unechte akute Schizophrenien“. Da Ey eine scharfe klinische Grenze zwischen Neurose und Schizophrenie sieht, bleibt die Stellung dieser Formen ungeklärt. Es bedarf keiner Erläuterung, daß eine solche Auffassung Psychopathologisch wenig befriedigt.Google Scholar
  10. 1.
    Der hier häufig benutzte Begriff des psychotischen „Partialsystems“ ist durchaus vorläufig und im Hinblick auf die ganzheitliche Struktur psychotischer Phänomenalität und Funktionsdynamik unzulänglich. Er umschreibt stets das Ganze eines nur relativ heraushebbaren Selbst- und Weltbezuges.Google Scholar
  11. 1.
    Die methodischen Beschränkungen, denen sich Regressionsannhmen und genetisch-parallelistische Deutungen auf psychopathologischem Gebiet zu unterwerfen haben, wurden von Wieser diskutiert.Google Scholar
  12. 1.
    Die Untersuchung von C. Müller über das Senium von Schizophrenen lieferte kürzlich hierzu wertvolle Hinweise.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag OHG. Berlin · Göttingen · Heidelberg 1960

Authors and Affiliations

  • K. P. Kisker
    • 1
  1. 1.Psychiatrie und NeurologieUniveristät HeidelbergDeutschland

Personalised recommendations