Kongreß pp 463-464 | Cite as

Immunprophylaxe gegen Retroviren

  • R. Kurth
Conference paper
Part of the Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin book series (VDGINNERE, volume 93)

Abstract

Bei der Chemotherapie der Infektion mit dem Humanen Immundefizienzvirus (HIV) muß man unterscheiden zwischen der kausalen Therapie der Infektion sowie der Chemotherapie der durch die Infektion ermöglichten opportunistischen Infektionen. Gegenstand der heutigen Ausführungen ist ausschließlich der Versuch der kausalen Therapie der HIV Infektion. Wie bei allen Retroviren muß man davon ausgehen, das HIV im Organismus in den infizierten Zellen sowohl episomal als chromosomal integriert vorliegt. Es sind bisher keine Möglichkeiten bekannt, selektiv die virale DNA aus dem Organismus zu eliminieren. Jeder Ansatz zur Chemotherapie muß deshalb berücksichtigen, daß ein entsprechendes Medikament lange, wahrscheinlich lebenslang, gegeben werden muß und daher keinerlei Nebenwirkungen zeigen darf.

Die Reverse Transkriptase ist ein vitales Enzym von Retroviren, das von der Zelle nicht benötigt wird. Es sind aus Untersuchungen in verschiedenen Laboratorien eine ganze Reihe von Substanzen bekannt, die in vitro die Replikation von Retroviren durch Blockierung der enzymatischen Aktivität verhindern. Von diesen Substanzen wurden bisher in erster Linie HPA-23, Suramin (Germanin), Foscarnet und Azidothymidin eingesetzt. Die ersten beiden Substanzen haben sich aufgrund ihrer toxischen Nebenwirkungen nicht bewährt. Mit Foscarnet und Azidothymidin wurden erste Verbesserungen des Immunstatus bei AIDS-Patienten berichtet. Besonders die Studien mit Azidothymidin werden derzeit ausgeweitet, eine abschließende Wertung der Wirksamkeit dieses Medikaments ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Im weiteren Verlauf der klinischen Versuche zur Chemotherapie der HIV Infektion muß auch daran gedacht werden, Inhibitoren der Virusvermehrung mit Immunmodulatoren zu kombinieren, um mit ersteren die Neuinfektion im Organismus einzuschränken und mit den Immunmodulatoren zu versuchen, die Immunantwort zu restaurieren.

Hinsichtlich der Immunprophylaxe gegen Retrovirusinfektionen kommen nur abgetötete oder Spaltvakzine in Frage, da Retroviren, auch wenn sie selbst kein virales Onkogentragen, durch Aktivierungzellulärer Onkogene in allerdings seltenen Fällen krebser zeugend wirken können. Totvakzine, z.B. mit Formalin inaktivierte Virussuspensionen, sind im Fall von HIV ebenfalls nicht anwendbar, weil es nicht möglich ist, Retroviren frei von zellulären Antigenen ausreichend zu reinigen. In die äußere Hülle von Retroviren sind stets Antigene der Wirtszelle eingebaut, die bei Immunisierungen zu unerwünschten Nebenwirkungen führen würden. Die Arbeiten zur Vakzineentwicklung konzentrieren sich daher auf die Herstellung von Virushüllproteinen durch gentechnologische Methoden. Das Paul-Ehrlich-Institut arbeitet in einer internationalen Kooperation and der Synthese des HIV-Virushüllproteins, das zuvor im Vaccinia Virus (Impfpockenvirus) kloniert wurde. Mit diesem chimaeren Virus werden im Fermenter Zellen infiziert. Die Methoden sind bereits ausgearbeitet, aus dem dadurch entstehenden Zellysat die HIV-Virushülle großtechnisch zu reinigen. Immunisierungsversuche am Schimpansen sind angelaufen. Bei Nachweis einer neutralisierenden humoralen sowei einer zytotoxischen zellgebundenen Immunität sollen diese Schimpansen im Jahre 1987 mit Wildvirus herausgefordert werden, um den möglichen Erfolg einer Immunisierung zu quantifizieren .

Über die internationalen Anstrengungen zur Chemotherapie und Immununprophylaxe von AIDS wird zusammenfassend berichtet werden.

Copyright information

© J. F. Bergmann Verlag, München 1987

Authors and Affiliations

  • R. Kurth
    • 1
  1. 1.Paul-Ehrlich-InstitutFrankfurt/MainDeutschland

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