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Familiendynamische Aspekte der Therapie depressiver Alterspatienten

  • J. Bruder
Conference paper

Zusammenfassung

Viele Psychiater haben eine besonders lebendige Erinnerung an ihren ersten Patienten, der sich suizidierte. Folgender Fall, der mich schon vor 15 Jahren — als er sich ereignete — sehr bewegte, hat im Laufe der Zeit eher noch an Bedeutung für mich gewonnen:

Eine 70jährige Frau, die aus den ehemaligen Ostgebieten stammte, war erstmals an einer Depression erkrankt, in der hypochondrische Ängste im Vordergrund standen. Wochenlang schon befand sie sich in unserer stationären Behandlung, ohne daß sich eine wesentliche Besserung erkennen ließ, abgesehen davon, daß man das gleichförmige, körperzentrierte Klagen durch höhere Dosen von sedierenden Medikamenten (neben den antidepressiven) insgesamt etwas dämpfen konnte. Ich erinnere mich noch lebhaft an ihre motorische Durchsetzungsfähigkeit, was z.B. immer wieder dazu führte, daß sie an meiner Tür scharrte, um sie — egal, wie ich reagierte — kurz darauf zu öffnen. Und dann klagte sie. Sie führte kreisende Bewegungen vor dem Bauch aus, um ihre Sorge über ein dort befürchtetes Karzinom zu unterstreichen. Die Erinnerung an mein Gefühl der Ungeduld, in das sich Resignation und Hoffnungslosigkeit mischte, überlagert von der Anstrengung, ihr kontrolliert zu begegnen, ist noch wach in mir. Meist griff ich auch ihre Hände, während ich zum xten Male in begrenztem Umfang auf sie einging und sie dabei langsam aus dem Zimmer leitete. Während solcher kurzen, aber häufigen Dialoge mit dieser Frau, die so gar nicht erreichbar zu sein schien, meinte ich manchmal in ihrem zumeist starr-sorgenvollen Blick Zeichen wachen Beobachtens zu bemerken. So wie beschrieben verlief auch die letzte Begegnung mit dieser Patientin an einem fortgeschrittenen Freitagabend, dem letzten Arbeitstag vor meinem ersten Urlaub nach Beginn der Facharztausbildung. Diese Begegnung gehörte zu den bedrückenden Ereignissen des Tages, der ansonsten von dem üblichen Bemühen um Erledigung alles Aufgeschobenen gekennzeichnet war. Besonders deutlich blieb mir das Gefühl in Erinnerung, daß meine Anstrengung ergebnislos geblieben sei, zumal ich ja nun für einige Zeit abwesend sein würde. — Zu den ersten Informationen nach der Rückkehr aus dem Urlaub gehörte, daß diese Patientin in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages aus dem Fenster gesprungen war und starb.

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Copyright information

© Dr. Dietrich Steinkopff Verlag, GmbH & Co. KG, Darmstadt 1986

Authors and Affiliations

  • J. Bruder
    • 1
  1. 1.Beratungsstelle für ältere Bürger und ihre AngehörigenNorderstedtDeutschland

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