Entbehrliche Diagnostik in der Onkologie

  • W. M. Gallmeier
Conference paper
Part of the Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin book series (VDGINNERE, volume 95)

Abstract

Auch die Onkologie profitiert von dem schnellen Zuwachs an neuen diagnostischen Verfahren. Wie nie zuvor ist jedoch der Arzt gefordert, mit Kompetenz auszuwählen, Überflüssiges — entbehrliche Diagnostik — zu unterlassen, des Notwendige jedoch ohne Verzug einzusetzen.

Indiziert ist eine diagnostische Maßnahme nur dann, wenn ihr Ergebnis die Behandlung und Betreuung eines Patienten beeinflußt. Motto: Nützt dies jetzt dem Kranken?

Häufige Ursachen entbehrlicher Diagnostik sind etwa die generelle Überbewertung technischer Maßnahmen durch Arzt und Patient, die überzogene Anspruchshaltung vermeintlich aufgeklärter Kranker und ihrer Angehörigen, aber auch mangelndes Wissen über den typischen Verlauf und therapeutische Möglichkeiten von Tumorkrankheiten beim Arzt oder unklare Vorstellungen über Möglichkeiten und Grenzen technischer oder labortechnischer Verfahren.

Auf typische Probleme der Überdiagnostik in der Onkologie wird anhand von Beispielen eingegangen. Dabei werden auch Diagnoseverfahren in der Phase der sog. Nachsorge kritisch besprochen (z.B. Knochenszintigramm, Sonografie, Tumormarker). Eine rationale Diagnostik wird neuerdings aber auch durch die Art der Leistungserfassung bei der sog. Kosten-Leistungs-Rechnung im Krankenhaus erschwert. Jede — auch überflüssige — technische Leistung, die eine Abteilung erbringt, verbessert ihre Kosten-Leistungs-Bilanz gegenüber dem Träger. Auch die nunmehr vorgelegten neuen Normen für den Erwerb der Gebietsarztbezeichnung „Internist“ werden wegen des völlig unrealistisch umfangreichen Anforderungskataloges bei technischen Diagnoseverfahren (z.B. Sonografie, Endoskopie) mit Sicherheit ein Anwachsen der Zahl überflüssiger Maßnahmen in den Krankenhäusern zur Folge haben. Im Bereich der niedergelassenen Ärzte steht die hierzulande gewählte Form der Honorierung ärztlichen Tuns ebenfalls einer rationalen Diagnostik im Weg. Weiterhin erfolgt sie vorwiegend über die Vergütung technischer „Leistungen“.

Überdiagnostik kann aber auch Ausdruck der gemeinsamen Not und Hilflosigkeit von Arzt und Patient sein. Bei Konfrontation mit dem Phänomen „Krankheit“, meist unheilbarer Krankheit, tritt man gemeinsam die Flucht in die technische Polypragmasie an.

Die Folgen einer vermeidbaren Überdiagnostik in der Onkologie sind eine ausufernde technische Medizin mit unnötiger Belastung der Kranken, der Verlust klinischer Fähigkeiten der Ärzte am Krankenbett, eine wachsende Distanzierung zwischen Arzt und Kranken, eine Überlastung der Pflegemitarbeiter und schließlich ständig steigende Kosten. Die Finanzierung des medizinisch Notwendigen gerät in Gefahr, so daß immer mehr dirigistische Eingriffe von nicht-ärztlicher Seite in das Gesundheitswesen stattfinden, wenn die Ärzteschaft nicht von sich aus handelt.

Literatur

  1. Gallmeier WM, Betzler M, Bruntsch U, Röttinger EM (1985) Überdiagnostik u. Übertherapie in der OnkologieGoogle Scholar
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  3. Gallmeier WM, Bruntsch U (1985) Unnötige Diagnostik (Überdiagnostik) in der Onkologie. MMW 127:390Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag, Berlin Heidelberg 1989

Authors and Affiliations

  • W. M. Gallmeier
    • 1
  1. 1.5. Medizinische KlinikStädtisches Klinikum NürnbergDeutschland

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