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Familientherapie und Systemtheorie

  • Ewald Johannes Brunner

Zusammenfassung

Mit dem nun folgenden Kapitel wenden wir uns der eigentlichen Thematik dieses Buches zu, die sich um die beiden Fragen kristallisiert: (1) Kann die familientherapeutische Vorgehensweise sich in ihrer theoretischen Fundierung an die Systemtheorie anlehnen? (2) Lassen sich als gemeinsamer Nenner verschiedener familientherapeutischer Ansätze systemtheoretische Axiome formulieren? Zum Versuch der Beantwortung dieser Fragen greife ich zunächst auf Grundlagen der Systemtheorie zurück (Abschnitt 2.1.). Daran anschließend diskutiere ich die generelle Problematik der Übertragung einer systemtheoretischen Begrifflichkeit aus den Naturwissenschaften auf die Sozialwissenschaften (2.2.). Im dritten Abschnitt dieses Kapitels beschäftige ich mich ausführlich mit der Übernahme systemtheoretischen Grundlagenwissens durch Familientherapietheoretiker (2.3.). Im Anschluß daran entwerfe ich diejenigen Leitlinien, die mir zur Begründung einer systemtheoretisch orientierten Familientherapietheorie und Familientherapieforschung als essentiell erscheinen (2.4.). Abschnitt 2.5. bietet eine Kurzzusammenfassung der Ergebnisse von Kapitel 2.

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Notes

  1. 1.
    Klaus/Buhr (1972, S. 1059) lehnen sich in ihrer Definition des Begriffs System an die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes to systema (die Vereinigung, das Zusammengesetzte, die Zusammenstellung) an. Entsprechend definieren diese Autoren System als „nach Ordnungsprinzipien gegliederte Mannigfaltigkeit von Dingen, Prozessen usw. (materielles System) oder von Begriffen, Aussagen usw. (ideelles System)“Google Scholar
  2. 2.
    Zu hohe Erwartungen setzt meines Erachtens SCHöNPFLUG (1977) in eine solche Metatheorie. Da sich die kybernetische Betrachtungsweise nicht auf spezifische Theorien beschränkt, müßte es doch möglich sein, so räsoniert dieser Autor, so divergierende Aussagen zum Phänomen Angst etwa aus psychoanalytischer Sicht (Angstabwehr) und aus behavioristischer Sicht (Reflexbildung) zusammenzubringen. Insofern könne die Kybernetik der Psychologie zu einer Metatheorie verhelfen, zu einer Theorie, die als Hintergrund diene, auf welchem kontroverse psychologische Lehrmeinungen gleichnamig gemacht und miteinander verglichen werden könntenGoogle Scholar
  3. 3.
    Angyal (1969, S. 21 f.) greift zur Illustration dieses Sachverhalts auf folgendes Beispiel zurück. Angenommen, ein System bestünde aus den Elementen a, b, c und d: Es würde nicht genügen, soll das System charakterisiert werden, wenn die einzelnen relata (a−b, b−c, a−c, etc.) in der Art eines linearen Arrangements nebeneinander gestellt würden. „In this example the members of the system which are points are linearly connected only by forming a whole. … In a system the members are, from the holistic viewpoint, not significantly connected with each other except with reference to the whole“ (a. a. O., S. 22)Google Scholar
  4. 4.
    Batesons Ansatz zur Neuformulierung einer Theorie der Schizophrenie beruhte mit auf der Entdeckung „that certain symptoms of human pathology called schizophrenia were, in fact, also the outcome of maltreatments of logical typing, which we called double binds“ (1979, S. 125; Hervorh. d.d. Verf.)Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. etwa Capras (1983, S.98) Feststellung: „Das Universum wird als ein dynamisches Gewebe untereinander verbundener Geschehnisse betrachtet. Keine der Eigenschaften irgendeines Teils dieses Gewebes ist fundamental; alle ergeben sich aus den Eigenschaften der anderen Teile; und die folgerichtige Gesamtübereinstimmung ihrer Wechselbeziehungen determiniert die Struktur des gesamten Gewebes“Google Scholar
  6. 6.
    Boulding schreibt an dieser Stelle: „When I helped to found what became the Society for General Systems Research in 1954, the founding fathers took a very modest view of what general systems might accomplish. As I recall… we defined a general system as any theoretical system of interest to more than one discipline. On this view there should be many general systems, not a single one, not so much because it is beyond the capacity of the human mind to produce a single one, but because there is more than one general system in the real world“Google Scholar
  7. 7.
    Katz/kahn (1966, S.31; zitiert nach Mueller /thomas, 1974, S.91) definieren ein soziales System wie folgt: „Ein soziales System ist eher eine Struktur von Ereignissen oder Vorkommnissen als ein physikalisch faßbares Gebilde und besitzt deshalb außerhalb seiner Funktionalität keine Struktur. Physikalische oder biologische Systeme, wie etwa Automobile oder Organismen, besitzen eine anatomische Struktur, die auch dann vorhanden ist, wenn sie keine Funktionen ausüben … In diesem Sinne haben soziale Systeme keine anatomische Struktur… Wenn ein soziales System aufhört zu funktionieren, dann hat es auch keine identifizierbare Struktur mehr … Es gibt dann nichts Dauerhaftes und Beständiges mehr. Der Gebrauch physikalischer Modelle zum Verständnis sozialer Strukturen stellt den durchgängigsten, überdauerndsten und nutzlosesten Fehlschluß dar, der die Sozial wissenschaften belastet hat“Google Scholar
  8. 8.
    Einfache Systeme sind nach Luhmann durch hohe Fluktuationsmöglichkeit (leichter Eintritt und leichter Austritt) gekennzeichnet. Zur Diskussion dieser Problematik vgl. Willke, 1978Google Scholar
  9. 9.
    Die Tabelle findet sich bei Miller (1978, S. 1028 f.; Übersetzung d.d. Verf.). In Tabelle 1 sind nur die ersten 6 Systemebenen aufgenommen worden (es fehlt die Spalte supra-nationales System). Von sieben Subsystemen fehlen bei Miller die Angaben: „The components of seven subsystems … are as yet unknown“ (a. a. O., S. 1029)Google Scholar
  10. 10.
    Eine solche eher zufällige Selektion systemtheoretischer Essentials findet sich bei Selvini palaz-zoli u. a. (1978, S. 60). An dieser Stelle vermerken die Autorinnen/Autoren, daß ein lebendiges System drei grundlegende Eigenschaften aufweise: „1. Totalität (das System ist weitgehend von den Elementen, aus denen es besteht, unabhängig); 2. Fähigkeit zur Selbstregulation und, damit verbunden, die Tendenz zur Homöostase; 3. Fähigkeit zur Veränderung“ (Hervorh. i.Orig.)Google Scholar
  11. 11.
    Von Bertalanffy (1972, S.38) stellt fest: „Einige wichtige Besonderheiten offener Systeme sind die folgenden. Ein geschlossenes System muβ, auf Grund des zweiten Hauptsatzes, schließlich in einen zeitunabhängigen Zustand des Gleichgewichtes (mit maximaler Entropie und minimaler freier Energie) übergehen, worin das gegenseitige Verhältnis der Phasen konstant bleibt. Ein offenes System kann (falls bestimmte Bedingungen erfüllt sind) schließlich in einen zeitunabhängigen stationären Zustand übergehen, worin sich das System, sowohl als Ganzes betrachtet als auch im Hinblick auf seine Phasen, konstant erhält im Wechsel der Elemente. Reaktionsabläufe in offenen Systemen können nicht zu einem wahren Gleichgewicht, sondern nur zu einem stationären Zustand führen, für welchen der Ausdruck Flieβgleichgewicht von uns vorgeschlagen wurde.“ (Hervorh. i. Orig.)Google Scholar
  12. 12.
    Nach Luhmann brauchen Supertheorien „sich nicht zu begründen in a priori wahren Aussagen, die ihnen vorausliegen; aber sie müssen ihre Begriffe in Einklang bringen mit der Art und Weise, in der sie Limitationalität gewährleisten“ (a.a.O., S. 15). Der kritische Rationalismus vertraue hingegen auf das Testen von Urteilen: „Seine Bedingung ist nur, daß Urteile überhaupt falsifizierbar, das heißt… negierbar sein müssen. Die Eliminierung von unwahren Urteilen führe dann auf lange Sicht zur Vermehrung des Bestandes an nicht falsifizierten (vermutlich wahren) Urteilen.… Man kann dies als eine der interessantesten Lösungen des Problems der Limitionalität gelten lassen und doch eine Schwäche hervorheben: den Verzicht auf inhaltliche Direktiven für Theoriebildung.… Aus diesen Gründen koppelt der Funktionalismus sein Eliminierungsprogramm mit systemtheoretischen Annahmen über die Realität selbst. Limitationalität wird hier eingeführt durch die Annahme, daß zwischen Umwelt und System ein Komplexitätsgefälle bestehe, das für ein jedes System Probleme vorgebe, die nur begrenzte Lösungsalternativen zulassen“ (a.a.O., S. 15f.; Hervorh. i. orig.)Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1986

Authors and Affiliations

  • Ewald Johannes Brunner
    • 1
  1. 1.Arbeitsbereich Pädagogische PsychologieUniversität Tübingen, Institut für Erziehungswissenschaft ITübingen 1Deutschland

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