Advertisement

Die Erscheinungsformen des Traums

  • Hans Winterstein
Part of the Verständliche Wissenschaft book series (VW, volume 18)

Zusammenfassung

Wir haben eingangs das Gleichnis von einer Bühne verwendet, auf der der Traum sich abspielt. Aber meist ist es ein stummer Film. Denn die optischen Erlebnisse überwiegen an Häufigkeit und Umfang weitaus alle anderen. Es sind farbige und plastische Bilder, nicht so lebhaft und glänzend vielleicht wie die Eindrücke des Wachens, aber doch mit vollem Wirklichkeitswert begabt. Den Bildern der Wachträume unserer Phantasie und selbst den sehr viel lebenswahreren Phantasmen, die manchen vor dem Einschlafen bei geschlossenen Augen erscheinen, stehen wir immer noch als unbeteiligte Zuschauer gegenüber; der Traum aber ist nicht einfach ein Schauspiel, das wir betrachten, wir sind selbst auch Akteure, der Traum ist ein Erlebnis, über dessen fehlende Realität uns erst das Erwachen eine nur selten zweifelhafte Entscheidung ermöglicht. Mitunter, am häufigsten noch in früher Jugend, kommen Verwechselungen von Traum und Wachleben vor. (Gelegentlich ist auch das Umgekehrte beobachtet, daß Personen wirklich erlebte Ereignisse, ja, selbstvollführte Handlungen nur geträumt zu haben glauben.) Es ist ohne weiteres begreiflich, daß die dem Erwachen vorausgehenden optischen Traumbilder fast niemals einen solchen halluzinatorischen Charakter haben, daß wir sie für ein wirkliches Geschehen halten können, denn die andersartige optische Wachwelt würde ihn meist gleich zerstören. Bei den akustischen Traumerlebnissen hingegen ist dies nicht selten der Fall. Wir träumen, daß die Klingel anschlägt, daß wir beim Namen gerufen werden, erwachen hiervon und wissen zunächst nicht, ob die Weckreize nicht echt waren. Unser Ohr verfügt nicht über einen solchen Schutz gegen die Außenwelt wie das Auge, und so reichen akustische Eindrücke sehr viel häufiger als optische aus der Wirklichkeit in den Schlaf und seine Traumwelt hinüber. Sie sind es ja auch, die, wie wir gesehen haben, im Ammenschlaf und den ihm analogen Erscheinungen die Beziehungen des Schläfers zur Außenwelt aufrechterhalten und im hypnotischen Schlaf den Rapport des Mediums mit dem Hypnotiseur vermitteln. So spielen sie auch — wir kommen darauf noch zurück — bei der Auslösung von Träumen eine sehr viel größere Rolle als optische Reize. Aber das durch die Gehörsreize ausgelöste Traumerlebnis ist meist wieder optischer Natur, und nur relativ selten treten sie selbst als akustische Phänomene in den Trauminhalt ein. Hörträume sind anscheinend schwierig zu bewerkstelligen; selten geht die geträumte Pistole los, am häufigsten ist noch Musik zu hören oder in matter oder nur unbestimmt als Gehöreindruck imponierender Form die Sprache.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Copyright information

© Springer-Verlag OHG. 1953

Authors and Affiliations

  • Hans Winterstein
    • 1
  1. 1.IstanbulTurkey

Personalised recommendations