Advertisement

Zur Psychosomatik der Miktion

  • Peter Diederichs
Conference paper

Zusammenfassung

Die folgende Arbeit thematisiert einen tabuisierten und schambesetzten Inhalt, den der Miktion. Ich möchte daher mit den treffsicheren Worten eines Dichters, des Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez beginnen. Relativ am Anfang seines Romanes „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ findet sich folgende Szene:

„Er war der erste Mann gewesen, den Fermina Daza urinieren hörte. Sie hörte ihn in der Hochzeitsnacht, in der Kabine des Schiffs, das sie nach Frankreich trug, während sie seekrank daniederlag, und das Tosen seines Pferdewasserfalls erschien ihr so machtvoll und so herrisch, daß es ihre Angst vor den befürchteten Verletzungen noch steigerte. Diese Erinnerung kam ihr häufig in den Sinn, als die Jahre den Wasserfall nach und nach abschwächten, weil sie sich nicht damit abfinden konnte, daß er jedesmal einen nassen Klosettrand hinterließ. Doktor Urbino versuchte sie mit für jeden, der sie verstehen wollte, leicht einsichtigen Argumenten davon zu überzeugen, daß dieses Mißgeschick sich nicht, wie sie behauptete, wegen seiner Unachtsamkeit täglich wiederholte, sondern aus einem organischen Grund: sein jugendlicher Strahl war so bestimmt und direkt gewesen, daß er in der Schule mit seiner Zielsicherheit beim Flaschenfüllen Turniere gewonnen hatte, doch durch den Altersverschleiß war der Strahl nicht nur schwächer geworden, sondern hatte sich auch gekrümmt, verzweigt und schließlich in ein eigenwilliges Brünnlein verwandelt, und das trotz aller Anstrengungen, ihn zu begradigen. Er sagte: ‚Das Klosett muß jemand erfunden haben, der nichts von Männern verstand.’ (Zum häuslichen Frieden trug er mit einer täglichen Geste bei, die eher ein Zeichen von Demütigung als von Demut war: er wischte die Ränder des Klosetts nach jeder Benutzung mit Klopapier ab. Sie wußte das, sagte aber nie etwas solange die Ammoniakdämpfe im Bad nicht so offenkundig wurden, dann erklärte sie, als decke sie ein Verbrechen auf: ‚Hier stinkt es nach Kaninchenstall’.) Am Vorabend des Greisenalters brachte ihn die Körperstörung selbst auf die endgültige Lösung: er pinkelte wie sie im Sitzen, was die Brille sauber und ihn im Zustand der Gnade beließ. (S. 47).

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Allen TD (1972) Psychogenic urinary retention. Sth Med. J 65: 302–304CrossRefGoogle Scholar
  2. Barinbaum M (1932) Zur Inkontinenz der weiblichen Harnblase. Zentralbl Psychother V: 9–12Google Scholar
  3. Benjamin J (1990) Die Fesseln der Liebe. Stroemfeld/Roter Stern, Basel Frankfurt a.M.Google Scholar
  4. Bertin C (1989) Die letzte Bonaparte. Kore, Freiburg/i. Br.Google Scholar
  5. Bitzer J, Richter D (1989) Zur Psychosomatik von Miktionsstörungen. Gynäkologe 22: 77–82PubMedGoogle Scholar
  6. Christoffel H (1944) Trieb und Kultur. Schwabe u. Co., BaselGoogle Scholar
  7. Demyttenaere K, et al. (1991) Body image and sexuality in urinary incontinence. In: Richter D, Bitzer J (Eds.) Advanced Research in Psychosomatic Obstetrics and Gynaecology. Springer, Berlin Heidelberg New YorkGoogle Scholar
  8. Diederichs P (1983) Zur Psychosomatik der Miktionsstörungen: Psychometrische, psychopathologische und psychodynamische Untersuchungen an Patienten mit psychosomatischen Störungen des Urogenitaltrakts. Habilitationsschrift BerlinGoogle Scholar
  9. Diederichs P (1986) Sexualität und Miktionsstörung. Gynäkologe 19: 37–41PubMedGoogle Scholar
  10. Diederichs P (1991) Recurrent cystitis — New psychosomatic aspects. In: Nijs P, Leysen B, Richter D (Eds.) Advanced Research in Psychosomatic Obstetrics and Gynaecology. Uitgrverij Peeters LeuvenGoogle Scholar
  11. Erikson EH (1968) Jugend und Krise. Klett-Cotta, Stuttgart 1980Google Scholar
  12. Fast I (1991) Von der Einheit zur Differenz. Psychoanalyse der Geschlechtsidentität. Springer, Berlin-HeidelbergGoogle Scholar
  13. Freud S (1905) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. GW Bd V Imago London 1942Google Scholar
  14. Friedman RM, Lerner L (Hrsg) (1991) Zur Psychoanalyse des Mannes, Springer, Berl in HeidelbergGoogle Scholar
  15. Grunert J (Hrsg) (1977) Körperbild und Selbstverständnis. Kindler, MünchenGoogle Scholar
  16. Günthert EA, Diederichs P (1990) Psychosomatische Aspekte in der Urologie. In: Th v Uexküll (Hrsg) Psychosomatische Medizin. Urban Schwarzenberg, München Wien BaltimoreGoogle Scholar
  17. Homey K (1926) Die Psychologie der Frau. Fischer, Frankfurt a. M. 1984Google Scholar
  18. Kestenberg JS (1988) Der komplexe Charakter weiblicher Identität Psyche 42: 349–364Google Scholar
  19. Kohut H (1979) Die Heilung des Selbst. Suhrkamp, Frankfurt a. M.Google Scholar
  20. Larson JW, et al (1963) Psychogenic urinary retention in women. JAMA 184: 697–700Google Scholar
  21. Lichtenberg JD (1991) Psychoanalyse und Säuglingsforschung. Springer, Berlin Heidelberg Margolin GJ (1965) A review of literature on psychogenic urinary retention. J Urol 94: 257–268Google Scholar
  22. Marquez GG (1991) Die Liebe in den Zeiten der Cholera. DTV MünchenGoogle Scholar
  23. Mester H (1975) Die chronifizierte psychogene Harnverhaltung. Z. Psychosom. Med. 21: 314–344Google Scholar
  24. Mertens W (1992) Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität, Bd I und I I, Kohlhammer, Stuttgart-Berlin-KölnGoogle Scholar
  25. Müller-Braunschweig H (1986) Psychoanalyse und Körper. In: E. Brähler (Hrsg) Körpererleben. Springer, Berl in HeidelbergGoogle Scholar
  26. Rohde-Dachser Ch (1991) Expedition in den dunklen Kontinent. Springer, Berlin Heidelberg Roiphe H, Galenson E ( 1981 ) Infantile origins of sexual identity. Int. UNIV Press, New YorkGoogle Scholar
  27. Roiphe H, Galenson E (1981) Infantile origins of sexual identity. Int. UNIV Press, New YorkGoogle Scholar
  28. Sadger J (1910) Über Urethralerotik. Jahrbuch Psychoanal Psychopatholog. Forsch. H: 409–450Google Scholar
  29. Schnack D, Neutzling R (1990) Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit.Rowohlt Taschenbuch ReinbekGoogle Scholar
  30. Tyson Ph (1991) Männliche Geschlechtsidentität und ihre Wurzeln in der frühkindlichen Entwicklung. In: Friedman RM, Lerner L (Hrsg) Zur Psychoanalyse des Mannes, Springer, Heidelberg BerlinGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1994

Authors and Affiliations

  • Peter Diederichs

There are no affiliations available

Personalised recommendations