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Neuroleptikabedarf und familiäre Umwelt

  • T. Held
  • D. Kempkens

Zusammenfassung

Seit etwa 15 Jahren verbinden sich in den Landeskliniken der Bundesrepublik Deutschland, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß, die Überzeugungen der Psychiater und die Bedürfnisse der Kostenträger in dem Bestreben, Dauerunterbringungen chronisch psychisch kranker Patienten, sofern sie fortbestehen, durch Enthospitalisierung zu beenden und neue Dauerunterbringungen gar nicht mehr entstehen zu lassen. Parallel dazu wurde versucht, ein möglichst breites Spektrum alternativer Wohn- und Betreuungsangebote zu schaffen, um den unterschiedlichen Graden an Betreuungsbedürftigkeit der Patienten in ihrer nachstationären Zeit Rechnung zu tragen. Im Umkreis der Rheinischen Landesklinik Bonn ist dies, im Vergleich der Städte und Bundesländer, in eher überdurchschnittlichem Umfang realisiert worden. Entsprechend dem Wandel der Lehrmeinungen ist dabei die Einschätzung der Ursprungsfamilien der Patienten als Betreuungsmilieu einem Wandel unterworfen gewesen: Hatte die Rezeption der frühen Arbeiten von Leff u. Vaughn (1981) noch dazu geführt, zur Rückfallvermeidung reduzierten Kontakt zu den Angehörigen zu verschreiben oder direkte Trennungsempfehlungen auszusprechen, so führte später die verstärkte Arbeit mit Angehörigen einzeln und in Gruppen zu einer positiveren Bewertung ihres Einflusses und zu der Konzeption direkter Hilfen für Familien, die mit ihren schizophrenen Angehörigen zusammenleben. Dies ändert freilich nichts an der Tatsache, daß in unserer Gesellschaft erwachsene Schizophrene nur relativ selten in ihrer Ursprungsfamilie verbleiben und dies um so seltener, je länger die Erkrankung andauert und je schwerwiegender ihre Erscheinungsformen sind. Wie von Zerssen et al. (1989) im Rahmen einer WHO-Studie kürzlich zeigen konnten, ist dies in einem Entwicklungsland wie Kolumbien durchaus anders: die schizophrene Erkrankung führt in einem viel geringeren Ausmaß zur Trennung von ihrem familiären Ursprungsmilieu, was mit der dort beobachteten günstigeren Verlaufsprognose schizophrener Erkrankungen kausal zusammenhängen könnte. Das bei uns viel größere Angebot außerfamiliärer psychiatrischer Betreuung erscheint im Lichte dieser Befunde als ein nicht unbedingt erfolgreicher Versuch, die haltenden Funktionen eines familiären Netzwerkes zu ersetzen.

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Literatur

  1. Held T (1989) Psychiatrische Familienpflege. Ergebnisse einer prospektiven elfjährigen Langzeitstudie. Enke, Stuttgart.Google Scholar
  2. Leff J, Vaughn C (1981) The role of maintenance therapy and relatives’ expressed emotions in relapse of schizophrenia: a two-year follow-up. Br J Psychiatry 139: 125–137.CrossRefGoogle Scholar
  3. Zerssen D von, Leon C, Möller H-J, Wittchen H-U, Pfister H, Sartorius N (1990) Care strategies for schizophrenic patients in a transcultural comparison. Comprehensive Psychiatry 31: 398–408.CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1990

Authors and Affiliations

  • T. Held
  • D. Kempkens

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