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Struktureller und inhaltlicher Ich-Bezug

  • Manfred Spitzer

Zusammenfassung

In der älteren und neueren psychiatrischen Literatur wird immer wieder vom Ich-Bezug des Wahns gesprochen, womit in der Regel gemeint ist, daß der Wahninhalt in irgendeiner Beziehung zu der Person des Wahnkranken steht: Verfolgt wird der Kranke, eifersüchtig ist der Kranke etc. Nur gelegentlich klingt an, daß mit dem Ausdruck “Ich-Bezug” noch etwas anderes, nämlich eine strukturelle Eigenschaft des Wahns, gemeint ist, beispielsweise dann, wenn von Beziehungswahn, von Bedeutungswahn oder von der Wahnstimmung die Rede ist. Meist wird der Ich-Bezug des Wahns jedoch als akzidentiell betrachtet, d.h. nicht als zum “Wesen” bzw. zur Definition des Wahns gehörig. Weiterhin fallt auf, daß der Begriff “Ich” in diesen Aussagen relativ vage gehandhabt wird: Manchmal ist die Person des Patienten gemeint, manchmal eine postulierte intrapsychische Struktur in ihr, manchmal eine bestimmte Klasse von Fähigkeiten oder Eigenschaften des Patienten.

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Notes

  1. 1.
    Vgl. hierzu auch Spitzer (1985,1986).Google Scholar
  2. 2.
    R. RORTY: The incorrigibility as a mark of a mental.Google Scholar
  3. 3.
    Wie wir oben gesehen hatten (vgl. Abschnitte 3 und 4), gab es immer wieder Versuche, eine logische Unterscheidung zur Charakterisierung von Wahn einzuführen. Die bekanntesten Versuche sind die von Kurt Schneider (Wahnwahrnehmung als logisch unterschieden von anderen Erlebnissen) und von Von Domarus (Fehler im logischen Schließen als Grundstörung bei Wahnkranken). Als psychologische Abgrenzungsversuche können viele der oben diskutierten Grundstörungs-Hypothesen verstanden werden, sofern man sie nicht allein ätiopathogenetisch, sondern auch definitorisch versteht. (Wie wir oben bereits darlegten, führt ein solches Verständnis zwar in einen Zirkel; dieser Zirkel wurde jedoch häufig übersehen und die Erklärung der Entstehung von Wahn mit der Erklärung dessen, was Wahn ist, gleichgesetzt.) Daraus resultieren Wahndefinitionen, die psychologische Momente ins Spiel bringen, um Wahn von anderen Urteilen zu unterscheiden.Google Scholar
  4. 4.
    Die klinische Relevanz des dritten Jaspersschen Wahnkriteriums wurde ohnehin immer wieder angezweifelt (vgl. Hunger 1970, Weitbrecht 1964). Heise (1988, S. 269) bemerkt mit Recht: “… practising psychiatrists cannot logically be using falsity as a criterion of thought disorder.”Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. nochmals den in Abschnitt 1 dargestellten Fall des Herrn X.Google Scholar
  6. 6.
    Wie schwierig das Problem der Beurteilung religiöser Sachverhalte unter psychopathologi-schem Gesichtspunkt bzw. psychopathologischer Sachverhalte unter religiösem Gesichtspunkt ist, zeigen unter anderem die Publikationen von Böhmig (1924a, 1924b), Bron (1981, 1983), Craemer (1914), Heimann (1956), Jacobi (1928), Lewin (1956), Lang (1980) sowie Hole (1977). Es kommt durchaus gelegentlich vor, daß die Diagnose einer Schizophrenie revidiert werden muß, wenn deutlich wird, daß der Patient einem “extremen” Kulturkreis entstammt bzw. seine Religiosität in extremer Form lebt (vgl. Zohren 1938).Google Scholar
  7. 7.
    Subjektive Gewißheit und Unkorrigierbarkeit können, müssen aber nicht Merkmale des Glaubens sein, wie die Beispiele vieler mit dem Glauben “ringender” religiöser Menschen zeigen. Da für viele Menschen der Glaube jedoch diese Kriterien erfüllt, entfallt die Möglichkeit, einen manchmal oder permanent vorhandenen Zweifel als Differentialdiagnostikum heranzuziehen.Google Scholar
  8. 8.
    vgl. Freud als den wohl bekanntesten Vertreter dieser Auffassung. In seiner bekannten Schrift “Die Zukunft einer Illusion” bemerkt er zur “psychische[n] Genese der religiösen Vorstellungen”: “Diese [religiösen Vorstellungen], die sich als Lehrsätze ausgeben, sind nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens, es sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit… Für die Illusion bleibt charakteristisch die Ableitung aus menschlichen Wünschen, sie nähert sich in dieser Hinsicht der psychiatrischen Wahnidee…” (Freud Werke Xiv, S. 352f).Google Scholar
  9. 9.
    Jaspers sagt selbst zu diesen Schwierigkeiten in seinem Abschnitt über “metaphysische Wahnideen” mit Recht: “Hier hört alle Bewertung als richtig und falsch, als wahr und unwahr auf…” (Jaspers 1973, S. 90). Bis heute wird das Problem der nicht-Anwendbarkeit empirischer Kriterien auf den religiösen Wahn gelegentlich nicht gesehen: “Religious delusions are false beliefs that involve religious or spiritual themes” (Tsuang et al. 1988, S. 267).Google Scholar
  10. 10.
    Aberglaube wurde gelegentlich auch als “physiologisches Analogon der Wahnidee” (Kraepelin 1889, S. 109) bezeichnet. Kraepelin hebt auch bereits die Notwendigkeit der “Eruierung des Durchschnittsaberglaubens bei der Umgebung des Kranken” hervor, und Beringer (1938) publizierte im Archiv für Psychiatrie (sicher nicht zufällig) eine Arbeit über den Aberglauben im Schwarzwald. Vgl. zum Problem des Aberglaubens in der Psychopathologie weiterhin Jakob und Meyer 1925 sowie Kehrer 1922b.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Dewhurst und Todd 1956, Dewhurst und Ellenberg 1961, Goduco-agular und Wintrob 1964, Greenberg 1956, Kamal 1965, Mechler 1961, Riebeth 1914, Ropschitz 1957 sowie Waltzer 1963. Das Problem des induzierten Wahns wird immer wieder diskutiert und zeigt in besonders eindrucksvoller Weise die Problematik einer jeden Wahndefinition, die “Abweichung” bzw. “Kommunikationsstörung” ins Spiel bringt.Google Scholar
  12. 12.
    Ähnliche Kriterien vertreten auch Pürgyi und Hegedic (1975, S. 329), die als Kriterien für religiösen Wahn anführen: “Traditionslosigkeit, Unfähigkeit zum Dialog, Disharmonie mit der Welt, Vertrauensverlust und Unfreiheit.”Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. neben Seng auch die Auffassung von Kahn (1929, S. 438), der Wahn für einen “Spezialfall des Glaubens” hält.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. vor allem Freud (siehe oben im Haupttext).Google Scholar
  15. 15.
    Soll überhaupt entschieden werden, so bedarf es der Anwendung allgemeiner Prinzipien auf Einzelnes.Google Scholar
  16. 16.
    Der im folgenden dargestellte Einwand wurde erstmals von Herrn Prof. H.N. Castañeda anläßlich eines Besuchs am 10.12.87 vorgebracht. Weitere Diskussionen erfolgten im Rahmen des Symposions “Psychopathologie und Philosophie” am 15. und 16. Juli 1988 und haben in den publizierten Kongreßberichten ihren Niederschlag gefunden (siehe Castañeda 1988, Spitzer 1988d,e). Herrn Castañeda sei an dieser Stelle für die Möglichkeit der Diskussion verschiedener Probleme im Umkreis der vorliegenden Erörterung herzlich gedankt.Google Scholar
  17. 17.
    Müller-Suur (1950) gehört zu den wenigen Autoren, die auf analytische Urteile in ihrer Wahndiskussion eingehen.Google Scholar
  18. 18.
    In unserem Zusammenhang erscheint es sinnvoll, mathematische Urteile als analytische Urteile aufzufassen; wir tun dies in dem Bewußtsein, daß der Status mathematischer Urteile (synthetisch apriori, analytisch oder empirisch) bis heute kontrovers diskutiert wird.Google Scholar
  19. 19.
    Castañeda hat diesen Vorschlag in einer Diskussion am Rande des Symposions Psychopathologie und Philosophie (vgl. Spitzer et al. 1988) vorgelegt.Google Scholar
  20. 20.
    Vgl. auch den Fall “Herr Y.” in Abschnitt 1.Google Scholar
  21. 21.
    Zur begrifflich scharfen Fassung von Ichstörungen vgl. Spitzer 1988d.Google Scholar
  22. 22.
    Wir möchten keineswegs so weit gehen, eine weitere “Grundstörungs-Theorie” der Wahngenese aufzustellen in dem Sinne, daß etwa jeder Wahn letztlich auf eine Ichstörung zurückzuführen wäre. Gerade für den Beginn vieler schizophrener Psychosen scheint es uns jedoch das Verständnis der Vorgänge zu erhellen, wenn man den Zusammenhang von Ichstörung und Wahnentstehung in der von uns gezeigten Weise sieht. Entsprechende Hinweise finden sich bei Conrad (1971, S. 46ff), der die Veränderung unter seinen Begriff der Apophänie — allerdings zusammen mit anderen Veränderungen — faßt. Bereits Jahrzehnte zuvor hielten Neisser und Specht die wahnhafte Eigenbeziehung für die Wurzel jeden Wahns (vgl. Gruhle 1932, S. 172; weitere Hinweise auch bei Daun 1973, S. 42ff).Google Scholar
  23. 23.
    Ob man in Anbetracht dieser Sachlage den Terminus “Beziehungswahn” beibehält und ihn verwendet in dem Bewußtsein, daß er nicht einen “Wahn” bezeichnet, sondern eine Ichstörung, oder ob man den Begriff “Beziehungswahn” aus dem Kanon psychiatrischer Begriffe streicht, weil er irreführend ist und beispielsweise ebensogut durch den Begriff “Beziehungsideen” oder “Eigenbeziehungserleben” ersetzt werden könnte, sei hier offen gelassen.Google Scholar
  24. 24.
    Bereits 1932 bemerkte Gruhle: “Aber diese plötzlich unableitbar auftauchende Ichbeziehung ist nicht die einzige Form des Wahns, sie ist nur die häufigste” (S. 172). Die Zahl 70% findet sich in Murray 1986, S. 342.Google Scholar
  25. 25.
    Wir sehen hier von Einwänden, die die James-Langesche Gefühlstheorie (Aussagen über den eigenen Affekt als Schluß aus intersubjektiv verifizierbaren Prämissen; Beispiel: “Ich bin traurig, weil ich weine”) ins Spiel bringen, ab, ohne die Schwierigkeiten dieser Theorie hier aus Platzgründen im einzelnen zu erläutern.Google Scholar
  26. 26.
    Wir wollen hier die Diskussion, ob “Mißtrauen” ein Affekt ist oder nicht, nicht aufgreifen, geben aber zu bedenken, daß diese Frage mit den Möglichkeiten der sprachanalytischen Philosophie besser und vor allem methodisch reflektierter geklärt werden könnte, als dies mit den zumeist als “ad hoc-Argumente” vorgebrachten Überlegungen in der bisherigen psychiatrischen Diskussion geschehen ist.Google Scholar
  27. 27.
    Wir halten die Berücksichtigung interaktionaler Gesichtspunkte in der Psychopathologie durchaus für bedeutsam und insbesondere für Praxis-(und d.h. immer auch: Therapie-) relevant. Der Ansatz wird jedoch unseres Erachtens durch den Versuch überzogen, psychopathologische Syndrome wie Ich-Störungen oder Wahn allein als sekundäres Phänomen bzw. als Ausdruck des Miteinanders zu betrachten (vgl. auch Cameron 1943, 1959, Heilbrun 1972a,b 1973, 1975, 1977, Lemert 1962).Google Scholar
  28. 28.
    “Da die Logik unserer Kranken meist… defekt ist, spielen logische Fehler leicht überall, auch bei den’ Erklärungen’ mit.” Bleuler gibt hierfür das folgende Beispiel: “Ein Hebephrener bekam die Idee, sein Oheim sei unglücklich, auf dem Wege eines ungenügenden Analogieschlusses: Er selbst ist arm, aber glücklich; der Oheim ist reich, also unglücklich” (Bleuler 1911, S. 313).Google Scholar
  29. 29.
    Bei Sattes findet sich auch eine Reihe von Hinweisen zu Autoren, die die Ich-Beziehung als für den Wahn konstitutiv betrachten, bis hin zu Tiling, der erklärte: “Die Wahnidee muß zum Gegenstand das Ich haben, sonst ist es keine Wahnidee, sondern ein Irrtum” (Thing, zit. nach Specht 1948, S. 112).Google Scholar
  30. 30.
    Wir wollen allerdings nicht so weit gehen, den Wahn als Ich-Störung oder Form einer Ich-Störung zu betrachten, wenn dies auch nach den Ausführungen dieses Abschnitts nahezuliegen scheint. Das Aufzeigen von Zusammenhängen zwischen Sachverhalten, die traditionell mit verschiedenen Termini bezeichnet werden, rechtfertigt mithin keineswegs bereits, diese Sachverhalte nur noch mit einem Begriff zu benennen, da ein solches Vorgehen dem Anliegen einer differenzierten Betrachtung zuwiderliefe. Wir stimmen mit Huber (1964, S. 454) überein, der Zusammenhänge zwischen Ichstörungen und Wahn vermutet, jedoch gleichzeitig zu bedenken gibt, daß zur Untersuchung dieser Zusammenhänge eine begriffliche und empirische Trennung der Sachverhalte unerläßlich ist.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1989

Authors and Affiliations

  • Manfred Spitzer
    • 1
  1. 1.Dept. of PsychologyHarvard UniversityCambridgeUSA

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