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Entwicklungen und Fehlentwicklungen der geschlechtlichen Orientierung und des sexuellen Verhaltens — potentielle konstituierende Anteile der Sexualgestalt

  • Toni Reinelt

Zusammenfassung

Auf den ersten Blick mag uns die Entwicklung und Ausformung der geschlechtlichen Identität so selbstverständlich erscheinen, daß man verführt ist, an einen rein genetisch gesteuerten Ablauf zu denken. Falls das der Fall ist, dann lassen sich Buben weder erzieherisch verweiblichen noch Mädchen vermännlichen. Auch wenn die Befunde über die Wirkung erzieherischer Einflüsse spärlich und nicht eindeutig sind, bestehen für uns wenig Zweifel darüber, daß die Entwicklung der geschlechtlichen Identität und des Geschlechtsrollenverhaltens einer multifaktoriellen — und nicht, (nur) einer genetischen — Genese unterliegen. Männlich und weiblich sind also nicht nur Offenbarung des Vorhandenen, sondern was sich offenbart, tritt mit dem, was einwirkt, in Beziehung und wird vom Individuum organisiert und gestaltet. Das somatische Geschlecht allein bestimmt also nicht die Identität und das Verhalten, doch kommt unserer Vorstellung nach die materielle Struktur „geschlechtssyntonen“ Einflüssen mehr entgegen als gegengeschlechtlichen. Das würde heißen, daß möglicherweise selektive Vorgänge auf seiten des Kindes wirksam sind, die das zu seinem eigenen Geschlecht gehörige „vorziehen“. Ein solcher Vorgang einer selektiven Apperzeption würde nach unseren Vorstellungen nicht programmatisch ablaufen, sondern durch selektionierende Umwelteinflüsse und ihre Wirkungen auf Ausformungen, Strukturierung und Organisation des zentralen Nervensystems mitbestimmt. Was uns allerdings bei einem derartigen (begrenzten) wechselseitigen adaptiven Prozeß vor allem interessiert, ist jedoch die Frage, ob und in welchem Ausmaß einerseits somatische Fehlentwicklungen „psychisch abfärben“ und andererseits spezifische Umwelteinflüsse die Geschlechtsidentität und das sexuelle Verhalten — eventuell bis in das zentralnervöse Substrat hinein — formen.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1989

Authors and Affiliations

  • Toni Reinelt
    • 1
    • 2
  1. 1.Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und JugendaltersWienÖsterreich
  2. 2.Interfakultäres Institut zur Sonder- und Heilpädagogik der Universität WienWienÖsterreich

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