Psychomotorik pp 112-143 | Cite as

Motorisches Lernen und Üben

  • Arnulf Rüssel
Part of the Wissenschaftliche Forschungsberichte book series (volume 77)

Zusammenfassung

Das motorische Lernen mußte schon mehrfach vorgreiflich erörtert werden, insbesondere in dem Kapitel „Koordination“, da die Darstellung des Gegenstandes anderenfalls zu unvollständig geblieben wäre. In der Hauptsache ging es in diesem Kapitel darum, was jeweils durch Lernen und Üben erhalten oder erworben wurde, während jetzt der Ablauf des Geschehens ganz im Vordergrunde stehen wird. Terminologisch ist zwischen Lernen und Üben nicht streng zu scheiden. Der Sprachgebrauch neigt dazu, eher beim Erwerb von etwas Neuem von Lernen zu sprechen, während unter Üben vorwiegend das Bemühen, etwas Erlerntes weiterhin sicher zu beherrschen, verstanden wird. Gegenstand des Lernens und Übens sind die motorischen Koordinationen, die im Anschluß an schon vorhandenes, ererbtes oder erworbenes Können auf- oder umgebaut werden, worin eingeschlossen ist, daß störende Intentionen zu unterdrücken sind. Je nach dem Stande des erreichten Koordinationsmusters muß dieses u. U. auch variiert werden. Wenn das Üben vorwiegend dazu dient, einen schon erreichten Leistungsstand aufrecht zu erhalten, so ist damit gesagt, daß dem Lernen auch Behalten und Verlernen zugeordnet sind, die im Zusammenhange mit dem Lerngeschehen analysiert werden. Zugleich wird deutlich, daß Lernen und Behalten sich, wenn auch nicht ausschließlich, auf den Koordinationsbestand beziehen. Dieser ist uns nicht unmittelbar zugänglich, sondern wird erschlossen aus der Koordiniertheit von Bewegungsabläufen, mitunter auch aus dem Auftreten von Störungen beim Erlernen neuer Koordinationen, die das Bestehen einer anderen, jetzt störenden Koordination annehmen lassen. Das motorische Lernen äußert sich direkt in Veränderungen des Ablaufes von Bewegungen, wobei erstrebt wird, daß diese Veränderungen einen optimalen Ablauf herbeiführen. Motorisches Lernen unmittelbar zu erfassen, wäre nur möglich durch Registrierung und Vergleich der den einzelnen Lernabschnitten entsprechenden Bewegungsverläufe. Das ist eine auch mit raffinierter Technik kaum zu bewältigende Aufgabe. Günstigenfalls gelingt es, für einzelne Körperpunkte Wegbahnen, Geschwindigkeiten und Beschleunigungen zu registrieren. Veränderungen eines ganzkörperlichen Bewegungsmusters während eines Lernvorganges sind wohl nur ansatzweise erfaßt worden. Die Bewegungsbahnen ausgezeichneter Körperpunkte oder gehaltener Gegenstände und deren Veränderungen sind schon eher festgehalten und auf den Lerneinfluß hin analysiert worden. (Vgl. Lindahl 1945.) Howell (1956) ließ zwei Gruppen den Sprinterstart erlernen. Die eine erhielt die üblichen mündlichen Erläuterungen der zu erstrebenden Technik, während für die Experimentiergruppe bei jedem Übungsversuch der Zeit-Kraft-Verlauf des vorderen Fußes graphisch festgehalten und sofort nach dem Start vorgezeigt wurde. Die Experimentiergruppe erreichte innerhalb von 6 Tagen mit stetiger Verbesserung die gewünschte Form der Kraftentfaltung, und behielt diese auch relativ konstant bei, während die nur mündlich belehrte Gruppe in dieser Zeit keine Verbesserung erzielte und größere Schwankungen der Leistung aufwies.

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Copyright information

© Dr. Dietrich Steinkopff Verlag GmbH & Co. KG, Darmstadt 1976

Authors and Affiliations

  • Arnulf Rüssel
    • 1
  1. 1.vormals Universität Leipzig, Technische Universität BraunschweigDeutschland

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