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Das Überlebendensyndrom — „Forty years later“

  • W. G. Niederland
  • H. Pohlmeier

Zusammenfassung

Die Psychiatrie der Verfolgten, wie sie 1964 erstmals vorgelegt wurde (Baeyer, Häfner, Kisker 1964), ist direkt aus der forensischen Psychiatrie hervorgegangen. Sie hat im Jubilar dieser Festschrift einen ihren bedeutendsten Vertreter. Sein in diesem Bereich entwickelter Begriff „erlebnisbedingter Persönlichkeitswandel“ ist in der heutigen Psychiatrie unentbehrlich geworden (Venzlaff 1958). Die Entwicklungspsychologie hat dadurch aus der Beschränkung auf die ersten fünf Lebensjahre nachhaltig herausgefunden. Wir wissen heute, daß der Mensch irrt, also sich entwickelt, solang er strebt, also so lang er lebt. Andere, auch in dieser Festschrift vertretene, Autoren haben die forensisch-psychiatrischen Erfahrungen mit Verfolgten des Naziregime zur ebenfalls grundsätzlichen Weiterentwicklung psychiatrischer Erkenntnis genutzt. Hoppe hat bei seinen Studien über die Verfolgung wichtige Zusammenhänge zwischen Aggression und Depression herausgearbeitet (Hoppe 1962). Er hat damit die psychoanalytisch geleitete Hypothese von der Depression als Aggressionserkrankung gründlich bearbeitet und vertieft (Matussek 1965; Pohlmeier 1980, S. 169). Ein wichtiger Beitrag zur Depressionsforschung aus diesem Bereich sind die Untersuchungen über Verfolgung und Gewissen, welche die Schuldgefühlsproblematik erhellen (Hoppe 1964) und grundsätzlich das Verhältnis zwischen Gewissen und Erfahrung einer Klärung näherbringen (Hoppe 1985). Weiter war es durch die forensisch-psychiatrischen Untersuchungen Verfolgter möglich geworden, Quantität und Qualität von Belastungssituationen für die Entstehung psychischer Störungen genauer als früher zu erfassen. In früherer Zeit gab es so extreme Belastungssituationen wie die Haft in nationalsozialistischen Konzentrationslagern nicht (Kogon 1955). Hier sind die Arbeiten von Eissler (1963) und Matussek (1971) maßgeblich geworden. In ihnen wird besonders die Psychodynamik der Verarbeitung von Belastungen analysiert und damit der Streßforschung ein entscheidender inhaltlicher Impuls gegeben.

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Literatur

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1986

Authors and Affiliations

  • W. G. Niederland
  • H. Pohlmeier

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