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Zum heutigen Stand der Kastrationsforschung

  • R. Wille

Zusammenfassung

Die Kastration von Sexualstraftätern ist nicht nur ein rechtshistorisch belasteter, sondern auch konzeptionell problematischer und für die Betroffenen so einschneidender und irreversibler Eingriff, daß eine erneute Thematisierung innerhalb der forensischen Psychiatrie generell nur begrüßt werden kann. Das Meinungsspektrum ist weit: Die Kastration sei eine systemwidrige und zudem denkbar radikale Körperstrafe, ein archaisches Relikt mittelalterlicher Strafbarbarei, vielleicht eine verkappte Maßregel der Besserung, aber auch ein Fortschritt im Sinne von Entpönalisierung, Kriminalprophylaxe und Resozialisierung, ein Modellfall für soziale Verteidigung zur Abwehr sexueller Aggressionen auf Frauen und Kinder oder sogar ein Musterbeispiel für „Heilen statt Strafen“. Zu dem besonders heiklen Problem der Freiwilligkeit ist durchaus die Frage legitim, ob die gesetzlich vorgeschriebene Antragstellung und Genehmigung durch den ärztlich-juristischen Kastrationsausschuß, also das formalrechtliche Ersuchen um Kastration, letztlich doch nur eine massive staatliche Nötigung euphemisiert, die dadurch das Denkmodell eines Opfers der Männlichkeit auf dem Altar der öffentlichen Sicherheit in eine doppelt demütigende Zumutung denaturiert.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1986

Authors and Affiliations

  • R. Wille

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