Schuldunfähigkeit Erwachsener im Urteil des Strafrechts

  • C. Roxin

Zusammenfassung

Wenn es um die Frage geht, was eine „krankhafte seelische Störung“, eine „tiefgreifende Bewußtseinsstörung“ oder eine „schwere seelische Abartigkeit“ ist und wie sich diese Zustände auf die menschliche Steuerungsfähigkeit und Verantwortlichkeit auswirken, ist der Jurist ein Laie und weitgehend von den Befunden der Medizin, der Psychiatrie und Psychologie abhängig. Andererseits ist der empirische Wissenschaftler, der mit diesen Problemen zu tun hat, auch seinerseits auf den Juristen angewiesen. Denn die gesetzlichen Begriffe enthalten verbindliche legislatorische Wertentscheidungen, die der empirische Sachverständige beachten muß, wenn er seiner Aufgabe als „Gehilfe des Gerichts“ gerecht werden will. Auch muß er die juristischen Kategorien verstehen, wenn er sich den Juristen verständlich machen will. So mag es denn nicht vermessen erscheinen, wenn ich in einem Beitrag, der Wolfgang Spann, dem verehrten Münchener Kollegen, mit herzlichen Glückwünschen dargebracht sei, das Problem der Schuldfähigkeit einmal so darstelle, wie es die Juristen seit der Strafrechtsreform von 1975 sehen. Ich tue dies natürlich aus meiner persönlichen Sicht; doch ist der Stand der juristischen Diskussion, wie sie sich in den letzten 10 Jahren entwickelt hat, im wesentlichen verarbeitet. Der Mediziner, der Psychiater und Psychologe mögen manches anders sehen; gerade deshalb bedarf es des interdisziplinären Gesprächs, das Mißverständnisse klären und uns der Verständigung über ein gemeinsames Problem näher führen kann.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. nur Jescheck, Lehrbuch des Strafrechts, Allgemeiner Teil, 1978, § 40 III, 1, der selbst die darin liegende Ungenauigkeit rügt; ähnlich die Begundung des Regierungsentwurfs 1962, Bundestagsdrucksache IV/650, S. 137.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. K. Schneider, Klinische Psychopathologie 9, 1971; ders., Die psych opathischen Persönlichkeiten, 91950; ders., Die Beurteilung der Zurechnungsfdhigkeit, 41961.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. vor allem die Beratungen der 25. Sitzung des Sonderausschusses, Dtsch. Bundestag, 5. Wahlperiode, Stenographischer Dienst, S. 477ff.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. den zweiten schriftlichen Bericht des Sonderausschusses, Bundestags-Drucksache V/ 4095,S. 10.Google Scholar
  5. 5.
    Begründung des Regierungsentwurfs 1962, wie Anm. 1, S. 138.Google Scholar
  6. 6.
    Eingehend dazu vom Standpunkt seiner speziellen Schuldauffassung aus Jakobs, Zum Verhältnis von psychischem Faktum and Norm bei der Schuld, in: Sozialtherapie, Hrsg. von Göppinger/Bresser, 1982, S. 127ff.Google Scholar
  7. 7.
    Wie Anm. 6, S. 478.Google Scholar
  8. 8.
    Güde, wie Anm. 6, S. 481.Google Scholar
  9. 9.
    Etwa Sch.-Schröder-Lenckner, wie Anm. 2, § 20 Rdn. 5; Rudolphi, wie Anm. 2, § 20, Rdn. 5; Maurach-Zipf, Strafrecht, Allgemeiner Teil, Teilband 1, 61983, § 36, Rdn. 27.Google Scholar
  10. 10.
    wie hier im Ergebnis Lange, wie Anm. 2, §§ 20, 21, Rdn. 13 m. w. N.; Jakobs, wie Anm. 2, 18, Rdn. 7.Google Scholar
  11. 11.
    Wolfslast, Die Regelung der Schuldfähigkeit im StGB, JA 1981, S. 465.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. die Aufzählung in der Begründung des Regierungsentwurfs 1962, wie Anm. 1, S. 138.Google Scholar
  13. 13.
    Dazu: de Boor, Bewuβtsein und Bewuβtseinsstörungen, 1966; von Winterfeld, Die Bewuβtseinsstörung im Strafrecht, NJW, 1975, S. 2229ff.Google Scholar
  14. 14.
    Regierungsentwurf 1962, wie Anm. 1, S. 138.Google Scholar
  15. 15.
    Wie Anm. 7, S. 11.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. zuletzt etwa Schluter, Affekt and § 51 StGB aus psychiatrischer Sicht, NJW 1971, S. 1070ff.; Bresser, Probleme bei der Schuldunfdhigkeits- und Schuldbeurteilung, NJW 1978, S. 1188ff.Google Scholar
  17. 17.
    OGHSt 3, 19; OGHSt 3, 80; BGHSt 3, 194 (198f.); 6, 329 (332); 7, 325f.; 8, 113 (124f.); 11, 20; 23, 133; BGH, NJW 1959, 2315; BGH, bei Holtz, MDR 1977, 458f.Google Scholar
  18. 18.
    Behrendt, wie Anm. 20, S. 14f. mit umfassenden Nachweisen; vgl. auch Rudolphi, wie Anm. 20, S. 205f.; Krümpelmann, wie Anm. 20, S. 339f.Google Scholar
  19. 19.
    wie Anm. 1, S. 139Google Scholar
  20. 20.
    Ist Schuld möglich ? Bockelmann-Festschrift, S. 261 ff. (273); in Erg. auch Leipziger Kommentar, wie Anm. 2, § 20, 21, Rdn. 28f.Google Scholar
  21. 21.
    Dogmatische und empirsche Probleme des sozialen Schuldbegriffs, GA 1983, S. 337ff. (356); anders noch ders. wie Anm. 3, S. 36.Google Scholar
  22. 22.
    Krümpelmann, wie Anm. 3, S. 35; Lange, Bockelmann-Festschrift, wie Anm. 26, S. 272.Google Scholar
  23. 23.
    Dazu auch Stratenwerth, wie Anm. 24, Rdn. 536.Google Scholar
  24. 24.
    Venzlaff, wie Anm. 5, S. 63.Google Scholar
  25. 25.
    Geilen and Rudolphi, wie Anm. 20; Krumpelmann, wie Anm. 27, S. 355f.; anders noch ders., wie Anm. 3, S. 13f.Google Scholar
  26. 26.
    Ebenso Jescheck, wie Anm. 1, § 40 III, 2, b., Sch.-Schröder-Lenckner, wie Anm. 2, § 20, Rdn. 15; ferner Behrendt, wie Anm. 20, S. 46ff.Google Scholar
  27. 27.
    So auch Jescheck, wie Anm. 1, § 40, III, 2, b.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. nur die ausführliche Darstellung der Sicht der forensischen Psychiatrie and Psychologie bei Behrendt, wie Anm. 20, S. 23ff.; ferner Hallermann, Affekt, Triebdynamik und Schuldfähigkeit, Dtsch. Zeitschr. f. d. ges. gerichtliche Medizin. Bd. 53, 1962/63, S. 129ff.; Rasch, wie Anm. 20.Google Scholar
  29. 29.
    In der in Anm. 20 genannten Monographie.Google Scholar
  30. 30.
    Wie Anm. 2, 18/17, 18.Google Scholar
  31. 31.
    Wie Anm. 2,18/14.Google Scholar
  32. 32.
    Begründung des Regierungsentwurfs 1962, wie Anm. 1, S. 140.Google Scholar
  33. 33.
    Dazu speziell: R. Schmitt, Die „schwere andere seelische Abartigkeit“in §§ 20 und 21 StGB, ZStW, Bd. 92, 1980, S. 346ff.; Rasch, Angst vor der Abartigkeit, NStZ 1982, S. 177f. Ausführlich auch Lange, wie Anm. 2, §§ 20, 21, Rdn. 34ff.Google Scholar
  34. 34.
    K. Schneider, Die psychopathischen Persönlichkeiten, wie Anm. 4; Kallwaß, Der Psychopath, 1969Google Scholar
  35. 35.
    J. E. Meyer, Psychiatrische Diagnosen und ihre Bedeutung für die Schuldfähigkeit im Sinne der §§ 20/21, ZStW, Bd. 88, 1976, S. 46ff. (52)Google Scholar
  36. 36.
    Zur Kritik vgl. Lange, wie Anm. 2, §§ 20/21, Rdn. 47Google Scholar
  37. 37.
    Dazu Schumacher, Die Beurtedung der Schuldfähigkeit bei nichtstoffgebundenen Abhängigkeiten (Spielleidenschaft, Fetischismus, Hörigkeit), Festschrift fur Sarstedt 1981, S. 361 ff.Google Scholar
  38. 38.
    RGSt 73,121; RG, DJ 1939,869; BGH, bei Dallinger, MDR 1953,146f.; BGH, MDR 1955, 368f; BGH, NJW 1955, 1726; BGHSt 14, 30; BGH, NJW 1964, 2213; BGHSt 23, 176; BGH, bei Dallinger, MDR 1969, 901; BGHSt 28, 327Google Scholar
  39. 39.
    Schreiber, wie Anm. 2, S. 49ff.Google Scholar
  40. 40.
    Vgl. etwa BGH, NJW, 1966, 1871 bei einem Fall von Querulantentum. Dazu ausfiihrlich Burkhardt, Charaktermängel und Charakterschuld, in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, 1. Teilband, 1980, S. 87ff.Google Scholar
  41. 41.
    BGHSt 14, 307.Google Scholar
  42. 42.
    Die Bedeutung des psychiatischen Krankheitsbegriffes fur das Strafrecht, Festschrift für Lange, 1976, S. 723ff. (733)Google Scholar
  43. 43.
    Wie Anm. 3, S. 32.Google Scholar
  44. 50.
    Venzlaff, wie Anm. 5. S. 60, and Schreiber, wie Anm. 2, S. 48; beide berufen sich auf Eisen, Schuldfähigkeit bei abnormen Persönlichkeiten, in: Handwörterbuch der Rechtsmedizin, Bd. 2, 1974, S. 284f.Google Scholar
  45. 52.
    K. Schneider, Die Beurteilung der Zurechnungsfähigkeit, wie Anm. 4. Heute etwa: Bresser, wie Anm. 21. Weitere Nachweise zum Streit zwischen „Agnostikern“ und „Gnostikern” bei 53 Lange, wie Anm. 2, §§ 20, 21, Rdn. 60.Google Scholar
  46. 53.
    So auch Jescheck, wie Anm. 1, § 40, III, 4; Schreiber wie Anm. 2, S. 51.Google Scholar
  47. 54.
    Schreiber, wie Anm. 2, S. 64.54Google Scholar
  48. 55.
    Vgl. nur Venzlaff, wie Anm. 5, S. 64.Google Scholar
  49. 56.
    Forensischen Psychiatrie und Zweispurigkeit unseres Kriminalrechts, NJW 1979, S. 1235ff. (1236).Google Scholar
  50. 61.
    Dazu grundsätzlich BGHSt 7, 238ff.; 8, 113ff.Google Scholar
  51. 57.
    Vgl. Schwarz/Wille, § 51 StGB — gestern, heute u. morgen, NJW 1971, S. 1061ff. (1064). 58Jescheck wie Anm. 1, § 40, 111, 3.Google Scholar
  52. 60.
    Vgl. Lange, wie Anm. 2, §§ 20, 21, Rdn. 52.Google Scholar
  53. 61.
    Vgl. etwa die Darstellung bei Lange, wie Anm. 2, §§ 20, 21, Rdn. 62ff.Google Scholar
  54. 62.
    Wie anm. 41, S. 48.Google Scholar
  55. 63.
    Wie Anm. 5, S. 59; ähnlich J. E. Meyer, wie Anm. 41, S. 49.Google Scholar
  56. 64.
    Naher J. E. Meyer, wie Anm. 41, S. 49ff.; Venzlaff, wie Anm. 5, S. 60ff.Google Scholar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1986

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  • C. Roxin

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