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Sport und Streßbewältigung — Implikationen für die kardiologische Rehabilitationspraxis

  • V. Rittner

Zusammenfassung

Der Sachverhalt, daß die Bewegungs— und Sporttherapie in der subjektiven Sicht der Infarktpatienten einen privilegierten Platz einnimmt und daß sie im Unterschied zu anderen therapeutischen Anstrengungen als besonders effektiv angesehen wird (vgl. Hermes u. Stocksmeier 1981 ; vgl. den Beitrag von Fahrenberg et al., S. 32), ist in seiner Bedeutung und seinen Voraussetzungen bislang nicht hinreichend gewürdigt worden. Eher als naturwüchsiges Phänomen betrachtet wird die Bewegungstherapie zwar als erfreulich unproblematisches und unaufwendiges Medium eingesetzt, aber in ihren Voraussetzungen nicht weiter analysiert. Demgegenüber wird hier die These vertreten, daß die Effizienzzuweisungen in den naiven Deutungskonzepten — generell die gesteigerte Wahrnehmung des in die Bewegungs— und Sporttherapie eingelagerten Gesundheitsversprechens — auf einen sozial wie psychisch voraussetzungsvollen Umstand zurückgehen. Der scheinbar schlichte Tatbestand der Privilegierung der Bewegung durch die Infarktpatienten ist durchaus deutungs— und erklärungsbedürftig. Offenbar entfaltet er seine Suggestion angesichts der Bedingungen einer körperdistanzierenden Gesellschaft mit ihren vielfältigen psychophysischen Belastungen. Nicht von der Hand zu weisen ist der Verdacht, daß ein bislang selbstverständlich gehandhabtes Rehabilitationsmedium im Gewande seiner scheinbaren Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit unterschätzt wird. Denkbar wird damit zugleich, daß sich die Effizienz eines ohnehin als effizient angesehenen Mediums bei Berücksichtigung seiner Voraussetzungen steigern ließe. Schließlich können psychotherapeutische Bemöhungen keinen besseren Verböndeten als die Laienvorstellungen der Individuen selbst haben. Weiß man, wie sehr der subjektiv wahrgenommene Gesundheitsstatus den endgültigen Rehabilitationserfolg beeinflußt, so wird man die populären Deutungskonzepte der Patienten als Verbündete nicht geringschätzen dürfen.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1985

Authors and Affiliations

  • V. Rittner

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