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Erinnerungen pp 183-191 | Cite as

Wien im Dunkel

  • Max Müller

Zusammenfassung

Die politische Spannung all der Jahre seit 1933 hatte zunehmend aufuns gelastet. Es konnte kein Zweifel sein, wohin sie führte. Auch jene Optimisten, die dem Naziunwesen ein baldiges Ende prophezeit hatten, sahen nun ein, wie unheimlich die braune Flut anschwoll und uns täglich mehr bedrohte. Mir klang immer noch der Fanatismus und die Unerbittlichkeit der Gütersloher Kollegen in den Ohren; ich wußte, wie unmöglich es war, uber diesen Wahn, der von uns aus gesehen immer mehr das ganze deutsche Yolk zu erfassen schien, auch nur zu diskutieren. Als besonders lebhaftes Beispiel der Verständigungsunmöglichkeit schwebte mir auch das Bild eines Mannes vor, dessen Namen ich vergessen habe. Er war während meines ersten Wiener Aufenthaltes in ähnlicher Position wie ich an der Klinik tätig, von Hause aus Sudetendeutscher aus Mährischöstrau, dort Primarius an einer psychiatrischen Anstalt, ein untersetzter Mensch mit einem etwas verkniffenen Gesicht, sonst aber gutmutig und umgänglich. Mit ihm nahm ich oft die Mahlzeiten ein, und wir unterhielten uns ganz gut, sofem man jedes politische Thema peinlich vermied. Seine Erbitterung gegen die Tschechen war grenzenlos. Dabei stand die Tschechoslowakei damals bei uns in hohem Ansehen durch die Gestaltung ihres Staatswesens und die Art und Weise, wie sie sich entwickelte, konsolidierte und künstlerisch, uberhaupt kulturell, zu hoher Blute kam. Er sah in Hitler den Retter seiner „Volksgenossen“ und im Nationalsozialismus die einzig mögliche Lebensform.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1982

Authors and Affiliations

  • Max Müller

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