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Vergleichende Gegenüberstellung der Informationen zum Gründungsgeschehen

  • Michael Fritsch
  • Reinhold Grotz

Zusammenfassung

In diesem Kapitel werden die auf der Grundlage der verschiedenen Datenquellen generierten Angaben über das Gründungsgeschehen einander gegenübergestellt, um daraus weitere Schlussfolgerungen hinsichtlich der Aussagefähigkeit abzuleiten. Am Anfang steht dabei der Vergleich der Angaben für Deutschland insgesamt und differenziert nach einzelnen Sektoren (Abschnitt 8.1). Darauf aufbauend werden dann Ähnlichkeiten der räumlichen Muster der Informationen analysiert (Abschnitt 8.2). Da die Angaben auf der Grundlage der amtlichen Industriestatistik bislang nur für einige ausgewählte Bundesländer verfügbar sind, ist der eingehende räumliche Vergleich aller vier Datenquellen fallstudienhaft auf ausgewählte Bundesländer beschränkt (Abschnitt 8.2.3). Eine zusammenfassende Bewertung von Stärken und Schwächen der verschiedenen Datenquellen ist dann Gegenstand des folgenden Kapitels (Kapitel 9).

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Notes

  1. 1.
    Die Angabe umfasst (in der Systematik der Gewerbeanzeigenstatistik) die Anzahl der Zweigniederlassungen und die Anzahl der unselbstständigen Zweigstellen.Google Scholar
  2. 2.
    Für diesen Unterschied gibt es keine offenkundige Erklärung. Möglicherweise bekunden die Gründer in den neuen Bundesländern bei der Gewerbeanmeldung deshalb häufiger die Absicht zur Einstellung von Beschäftigten, weil sie im Zusammenhang mit der Gründung eine Förderung beantragt haben und diese auch von der Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze abhängt. Denkbar wäre auch, dass in den neuen Bundesländern ein anderes Meldeverhalten üblich ist, das sich durch eine deutlich geringere Neigung zur Anmeldung von Scheinbetrieben, d.h. von „sonstigen“ Neuerrichtungen, zur Ausschöpfung von Steuervorteilen ausdrückt.Google Scholar
  3. 3.
    Handwerksbetriebe sind in der Industriestatistik nur dann berichtspflichtig und somit als Gründungen identifizierbar, wenn sie 20 oder mehr Personen beschäftigen oder einem Mehr-Betrieb-Unternehmen mit 20 oder mehr Beschäftigten angehören.Google Scholar
  4. 4.
    Der sektorale Vergleich der Datenquellen kann trotz der Aggregation der verschiedenen Statistiken zu einer gemeinsamen Branchensystematik infolge der Unterschiede in der Ausgangsklassifikation immer noch gewisse Verzerrungen aufweisen.Google Scholar
  5. 5.
    In der Regel werden in den Mannheimer Gründungspanels Übernahmen von bestehenden Unternehmen nur dann als Gründungen klassifiziert, wenn sich durch einen Eigentümerwechsel auch der Name des Unternehmens wesentlich verändert, was bei Übernahmen im Gastgewerbe relativ häufig der Fall ist. Siehe hierzu Abschnitt 5.3.5.2.Google Scholar
  6. 6.
    In der Beschäftigtenstatistik wäre ein solcher Effekt auch im Handel zu erwarten. Das dies aus den Zahlen (Tabelle 8.2) nicht erkennbar wird, ist wohl auf zwei Spezifika der Beschäftigtenstatistik zurückzuführen. Zum einen könnte es sein, dass im Handel aufgrund des hohen Filialisierungsgrades relativ häufig von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, mehrere in derselben Gemeinde befindliche Geschäftsstellen unter einer Betriebsnummer anzumelden. Eine Untererfassung der Gründung von Handelsbetrieben könnte auch dadurch bedingt sein, dass in diesem Sektor besonders häufig die Größenschwelle von mindestens einem sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nicht überschritten wird.Google Scholar
  7. 7.
    Im Druck-und Verlagsgewerbe sowie im Fahrzeugbau lassen sich die deutlichen Abweichungen zwischen der Beschäftigtenstatistik einerseits und den Mannheimer Gründungspanels, der Gewerbeanzeigenstatistik und der amtlichen Industriestatistik andererseits auf die unterschiedlichen Wirtschaftszweigklassifikationen zurückführen. Im Unterschied zur Klassifikation WZ93 wird in der Beschäftigtenstatistik das Verlagsgewerbe nicht dem Verarbeitenden Gewerbe zugeordnet. Hingegen umfasst in der Systematik der Beschäftigtenstatistik der Fahrzeugbau auch Kfz-Reparaturwerkstätten, ein Bereich der entsprechend der Klassifikation WZ93 zum Dienstleistungssektor gehört.Google Scholar
  8. 8.
    Beispielsweise liegen im Ernährungsgewerbe laut Tabelle 8.2 die Werte der Beschäftigtenstatistik (1,7 Tsd.) und der Gewerbeanzeigenstatistik (1,8 Tsd.) eng zusammen, während die Mannheimer Gründungspanels einen wesentlich geringeren Wert ausweisen (1,2 Tsd.). Im Gastgewerbe weisen die Beschäftigtenstatistik und die Mannheimer Gründungspanels mit 23,1 Tsd. bzw. 22,9 Tsd. ein sehr ähnlichen Wert aus; der Wert aus Gewerbeanzeigenstatistik ist mit 11,4 Tsd. Gründungen nur etwa halb so hoch. Schließlich geben die Gewerbeanzeigenstatistik und die Mannheimer Gründungspanels im Baugewerbe mit 33,5 Tsd. bzw. 34,2 Tsd. einen recht ähnlichen Wert an, den die Beschäftigtenstatistik mit 23,4 Tsd. Gründungen wesentlich unterschreitet.Google Scholar
  9. 9.
    Am stärksten stimmen die Branchenanteile der sonstigen Dienstleistungen, der Grundstücksverwaltung, des Baugewerbes, des Handels und des Verkehrsgewerbes überein. Die größten Abweichungen der Branchenanteile sind für den Fahrzeugbau, die Landwirtschaft, das Holz-und Papiergewerbe, das Textil-und Bekleidungsgewerbe und die übrigen Branchen festzustellen.Google Scholar
  10. 10.
    Die Abweichungen werden wie das Prüfmaß des χ2-Tests berechnet. Für die zu vergleichenden Datenquellen wird die theoretische Anzahl der Gründungen in den einzelnen Branchen bestimmt, wobei die gleiche Verteilung wie in der Referenzquelle unterstellt wird. Dann wird die relative Abweichung der tatsächlichen von der theoretischen Anzahl der Gründungen ermittelt. Diese Abweichungen jeweils zweier Datenquellen von der Referenzquelle werden miteinander korreliert. Alternativ dazu könnte man das übliche Prüfmaß des χ2-Tests selbst verwenden. Dieses entspricht der Summe der quadrierten Abweichungen der tatsächlichen von der theoretischen Anzahl der Gründungen bezogen auf die theoretische Anzahl der Gründungen. Je kleiner der Wert dieses Prüfmaßes ausfällt, desto stärker ist die Ähnlichkeit der Branchenstruktur zwischen der Vergleichsquelle und der Referenzquelle. Allerdings erscheint es wenig sinnvoll, die Prüfgrößen an den entsprechenden theoretischen Werten der χ2-Verteilung wie bei einem χ2-Test zu messen. Es kommt hier nicht darauf an festzustellen, ob die Branchenverteilung zwischen zwei Datenquellen mit einer bestimmen Irrtumswahrscheinlichkeit exakt übereinstimmt. Vielmehr soll analysiert werden, wie stark die Ähnlichkeit zwischen zwei Datenquellen ausgeprägt ist.Google Scholar
  11. 11.
    Über den Zugang zu den Daten aus der Umsatzsteuerstatistik informiert Abschnitt 7.3.3.Google Scholar
  12. 12.
    Alle Stilllegungen zwischen dem 30. Juni 1995 und dem 1. Juli 1997. Zur zeitlichen Entwicklung siehe Tabelle A 8.2 im Anhang.Google Scholar
  13. 13.
    Da der Eintrag in die Handels-bzw. Handwerksrolle und die Angabe einer Gesellschaftsform als Kriterium für die Klassifikation als „echte“ Gründungen und Schließungen eine relativ leicht nachprüfbare Information darstellt, dürften Erhebungsfehler oder falsche Angaben hier nicht von wesentlicher Bedeutung sein. Zwar können Angaben zur Absicht, Beschäftigte einzustellen, wesentlich schwerer kontrolliert werden, allerdings ist dieses Kriterium für die Klassifikation als „echte“ Gründung“ praktisch von nur geringer Bedeutung. In einer Untersuchung aller Gewerbeanmeldungen des Jahres 1998 in der Stadt Regensburg wurden nur rund 3 % der „echten“ Neuerrichtungen allein aufgrund der Beschäftigtenangabe als „echte“ Neuerrichtungen klassifiziert (vgl. Abschnitt 6.6).Google Scholar
  14. 14.
    Zum Vergleich: Im Durchschnitt der Jahre 1996 bis 1998 wurden in Deutschland insgesamt 27 Tsd. Insolvenzanträge von Unternehmen gestellt. Davon entfielen nur 3,5 Tsd. (13 %) auf das Verarbeitende Gewerbe. Von den insgesamt 8 Tsd. Insolvenzen in den neuen Bundesländern waren 1 Tsd. (12 %) im Verarbeitenden Gewerbe zu verzeichnen.Google Scholar
  15. 15.
    Auch bei den Gründungen gibt die Gewerbeanzeigenstatistik deutlich weniger Fälle als die Beschäftigtenstatistik an. Dies liegt vermutlich daran, dass sie Übernahmen ausdrücklich als solche identifiziert und nicht als Gründungen und Stilllegungen ausweist.Google Scholar
  16. 16.
    In der ostdeutschen Landwirtschaft stellen Betriebsgründungen zumeist Ausgründungen von ehemaligen Genossenschaftsmitgliedern dar. Diese Gründungen sind gegenüber den Genossenschaften sehr kleine Betriebe, welche oftmals über keine Beschäftigten verfügen, so dass sie von der Beschäftigtenstatistik gar nicht erfasst werden. Während die Beschäftigtenstatistik in den neuen Bundesländern etwa 70 % der Gründungen landwirtschaftlicher Betriebe erfasst, ist in den alten Bundesländern noch von einer deutlich geringeren Quote auszugehen. Deshalb lassen sich regionale Unterschiede des Gründungsgeschehens in der Landwirtschaft auf der Grundlage der Beschäftigtenstatistik nur relativ ungenau nachvollziehen (vgl. Brixy, 1999, 9).Google Scholar
  17. 17.
    Das ZEW weist externe Datennutzer darauf hin, dass in einigen Kreisen die Zahl der Gründungen aufgrund einer Veränderung des Erfassungsverhaltens der lokalen Vereine Creditreform e.V. offenbar erheblich übererfasst werden. Diese Kreise sind in Abbildung 8.6 mit „keine Angabe“ gekennzeichnet, aber im großräumigen Vergleich enthalten.Google Scholar
  18. 18.
    Die Autoren danken dem ZEW für die Bereitstellung von Daten zum Anteil der EinPersonen-Gründungen an allen Unternehmensgründungen in West-bzw. Ostdeutschland für das Jahr 1997.Google Scholar
  19. 19.
    Die Gründungsrate entspricht der Zahl der Gründungen je 1.000 abhängig beschäftigter ziviler Erwerbspersonen in der jeweiligen Raumeinheit („ Arbeitsmarktansatz“). Die zivilen Erwerbspersonen umfassen im Wesentlichen die versicherungspflichtig Beschäftigten und gemeldeten Arbeitslosen. Zur Bildung geeigneter Gründungsraten siehe Audretsch und Fritsch (1994).Google Scholar
  20. 20.
    Ein anderes Meldeverhalten in den neuen Bundesländern könnte sich in einer geringeren Neigung zur Anmeldung von Scheinbetrieben („ sonstigen“ Neuerrichtungen) zur Ausnutzung von Steuervorteilen ausdrücken. Außerdem könnten Gründer in den neuen Bundesländern häufiger eine Beschäftigtenangabe in der Anmeldung angeben, weil sie für die Gründung eine Förderung beantragt haben und diese auch von der Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze abhängt.Google Scholar
  21. 21.
    In Ostdeutschland ist allerdings der Kreistyp der hoch verdichteten Kreise in Agglomerationsräumen nur zweimal vorhanden (westliches Chemnitzer Umland), weshalb dieser Typ dort für die folgende Analyse mit dem Typ der verdichteten Kreise zusammengefasst wird.Google Scholar
  22. 22.
    Auch auf Ebene sämtlicher Gewerbeanmeldungen lässt sich in den alten Bundesländern keine kleinräumige Differenzierung im Niveau der Gründungsaktivität beobachten.Google Scholar
  23. 23.
    Im Gegensatz zu anderen großstädtischen Agglomerationen sind die Kreise rund um Berlin sternförmig angeordnet, wodurch das Kern-Rand-Gefälle der Siedlungsstruktur von den stärker verdichteten Randgemeinden Berlins zu den ländlicheren Umlandbereichen nicht hervortritt. Der Zuschnitt der Kreisgrenzen verschleiert bzw. nivelliert mit hoher Wahrscheinlichkeit ein durchgängiges Kern-Rand-Gefälle.Google Scholar
  24. 24.
    Der Bergbau wurde aufgrund der sehr geringen Anzahl neu gegründeter Betriebe nicht betrachtet.Google Scholar
  25. 25.
    WZ 73 der Bundesanstalt für Arbeit. Ab 1998 steht auch in der Beschäftigtenstatistik die WZ 93 (NACE) zur Verfügung (vgl. Kapitel 4).Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2002

Authors and Affiliations

  • Michael Fritsch
    • 1
  • Reinhold Grotz
    • 2
  1. 1.Fakultät für WirtschaftswissenschaftenTechnische Universität Bergakademie FreibergFreibergDeutschland
  2. 2.Geographisches InstitutRheinische Friedrich-Wilhelms-Universität BonnBonnDeutschland

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