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Tatsachen und Annahmen in der Physik

  • Otto Hölder

Zusammenfassung

Wenn auch in der Physik in gewissen Fällen so deduktiv verfahren werden kann wie in der Mathematik, so ist es doch hier unmöglich, die ganze Fülle der Erscheinungen aus wenigen Annahmen herzuleiten. Es wird deshalb in der Physik regelmäßig auch zwischendurch, mitten in der theoretischen Untersuchung, auf die Erfahrung Bezug genommen, oder, was auf dasselbe hinauskommt, es werden zwischendurch neue Annahmen eingeführt, die schließlich durch den Hinweis auf die Erfahrung gerechtfertigt werden. Eine solche neue Annahme besteht vielfach darin, daß eine Beziehung als allgemein und genau gültig gefordert wird, die sich in einer gewissen — meistens großen — Zahl von Fällen mit hinreichender Annäherung in der Erfahrung bestätigt hat, d. h. wir führen für die weitere theoretische Untersuchung ein an der Hand der Erfahrung induktiv gefundenes sogenanntes „empirisches Gesetz“ ein. So ist z. B. in § 56 bei der Behandlung der Barometer auf gäbe das Gesetz von Mariotte eingeführt worden. Neben solchen Gesetzen braucht aber die Physik außerdem noch diejenigen besonderen Annahmen, die wir als Hypothesen1) im engeren Wortsinn bezeichnen. Es sind dies solche Annahmen, die eine im Grund nicht beobachtete, oft sogar bis auf einen gewissen Grad der Beobachtung widersprechende Beziehung fordern, so z. B. wenn wir ein „Imponderabile“, ein nicht wägbares Fluidum annehmen, oder wenn wir uns in dem bis jetzt als leer betrachteten Raum, in dem der Bewegung durch nichts Widerstand geleistet wird, einen „Äther“ denken, der z. B. magnetisierbar ist, also physikalische Eigenschaften hat, oder wenn wir Teile der Materie annehmen, die selbst nicht teilbar sein sollen usw.

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Copyright information

© Julius Springer in Berlin 1924

Authors and Affiliations

  • Otto Hölder
    • 1
  1. 1.Universität LeipzigDeutschland

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