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Die soziologische Stellung der Klinik

  • Viktor v. Weizsäcker

Zusammenfassung

Ehe wir nun zu dem Bericht übergehen, wie wir uns angesichts dieser Lage und auf der Basis solcher Meinungen an der Nervenabteilung der medizinischen Klinik in Heidelberg verhalten, werfen wir einen Blick auf die soziologische Stellung der modernen Klinik überhaupt. Wir alle wissen, daß auch eine Universitätsklinik heute anders aussieht als vor 30 und noch 20 Jahren. Der akademische Professor, im Mittelalter nur „Lehrer“, seit dem 16. Jahrhundert „Kliniker“, ist heute ein „Direktor“. Als Krankenhaus ist seine Klinik zugleich ein Kontrollorgan des wirt schaftlichen Produktionsprozesses geworden. Mit der einen Hand am Beutel der öffentlichen Versicherungskassen, mit der anderen am Fabrik tor kontrolliert sie, was dort ein- und ausgeht; gewiß nach bestem Ge wissen, und doch in den wichtigsten Fällen ohne die Unterlagen zu einer gut begründeten Entscheidung. Das gute Gewissen, nach den gesetz lichen Vorschriften der Invaliden-, Unfall- und Krankenversicherung korrekt gehandelt zu haben, beseitigt noch nicht den Zweifel und das Unruhegewissen, ob man richtig entschieden hat — fern vom Arbeits platz, der Wohnstätte, fern auch der seelischen Realität des menschlich und sozial oft sehr fernstehenden Patienten. Warum verschweigen, daß diese Gewissenslast uns von Jahr zu Jahr unerträglicher wird. Was lehrt richtig urteilen: korrekte Gesetzesauslegung oder ärztliches Empfinden?

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© Julius Springer in Berlin 1930

Authors and Affiliations

  • Viktor v. Weizsäcker
    • 1
  1. 1.Universität HeidelbergDeutschland

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