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Steuerrechtsauslegung im Spannungsfeld zwischen unionsrechtlichen Vorgaben und nationalen Normen

  • Tina Ehrke-RabelEmail author
Chapter
Part of the MPI Studies in Tax Law and Public Finance book series (MPISTUD, volume 4)

Zusammenfassung

Gerichte und Verwaltungsbehörden haben bei Anwendung des Steuerrechts das Unionsrecht zu berücksichtigen. Nationales Recht ist daher jedenfalls bei Vorliegen entsprechender Beurteilungsspielräume unionsrechtkonform auszulegen.

Scheitert eine unionsrechtskonforme Auslegung an den Grenzen nationaler Auslegungsmöglichkeiten, weil sie eine Entscheidung contra legem herbeiführen würde, ist widerstreitendes innerstaatliches Recht unangewandt zu lassen. Dieser Anwendungsvorrang von Unionsrecht verdrängt nationale Normbestandteile insoweit, als sie gegen Unionsrecht verstoßen. Kann an die Stelle der verdrängten Norm keine andere (unter Umständen auch unionsrechtliche) Norm treten, so stellt sich die Frage nach den konkreten Folgen des Anwendungsvorrangs. Dem Zweck des Anwendungsvorrangs entsprechend beschränken sich die unionsrechtlichen Vorgaben auf die Herstellung eines unionsrechtskonformen Zustandes. Wie dieser erreicht wird, bestimmen die zuständigen nationalen Einrichtungen im Rahmen und nach den Vorgaben ihres nationalen Rechts. Hier wird die Meinung vertreten, dass der Anwendungsvorrang in einer nationalen Regelung eine planwidrige Lücke erzeugen kann, die mit Hilfe der innerstaatlichen Auslegungsmethoden zu schließen ist. Bewegt sich die Rechtsanwendung in diesem Rahmen, arrogiert sie nicht Gesetzgebungskompetenzen. Die theoretische Abhandlung über den Umgang mit dem Grundsatz des Anwendungsvorrangs im Steuerrecht wird anhand ausgewählter Entscheidungen des BFH, in denen er sich der sogenannten „normerhaltenden Rechtsauslegung“ bedient hat, illustriert.

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Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für FinanzrechtKarl-Franzens-Universität GrazGrazÖsterreich

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