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Von der Ausgrenzung zur Akzeptanz, von der Akzeptanz zur Ausschließung

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Zusammenfassung

In der Ausstellung werden Beispiele jüdischer Mathematiker genannt, exemplarische Orte ihres Wirkens vorgestellt, ihre mathematischen Leistungen gezeigt und ihre Publikationstätigkeit sowie ihre Mitarbeit in Berufsvereinigungen wie der Deutschen Mathematiker-Vereinigung hervorgehoben. Wer genauer hinsieht, bemerkt jedoch, dass über jüdische Mathematiker an deutschen Universitäten erst ab ca. 1820 berichtet werden kann. Carl Gustav Jacob Jacobi (1804–1851) war der erste jüdische Mathematiker, der an einer deutschsprachigen Universität eine Professur erhielt — 1827 als außerordentlicher und 1831 als ordentlicher Professor an der Universität Königsberg (heute Kaliningrad/Russland). Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich aber bereits aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen, denn er ließ sich um 1825 taufen. Warum er dies tun musste, warum jüdische Mathematiker an deutschen Universitäten erst nach 1820 in Erscheinung treten konnten, was es mit Sprachregelungen und Diskriminierungen auf sich hatte — die Rahmenbedingungen und die Spielräume, die Wechsel von Ausgrenzung und Akzeptanz sowie die permanente Judenfeindschaft ihrer Umgebung, auch und gerade im akademischen Milieu — dies wird im folgenden skizziert.

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. Steinschneider (1901/2001), S. 20 und S. 211. Zu Moritz Steinschneider vgl. Kohut (1896) sowie Steinschneider (1995) und Figeac (2007).Google Scholar
  2. 2.
    Steinschneider (1901/2001), S. 21.Google Scholar
  3. 3.
    Ebenda, S. 22.Google Scholar
  4. 4.
    Zur Tätigkeit jüdischer Gelehrter, darunter Mathematiker, vgl. Richarz (1974), Toury (1986), Dann (1986). Zu den jüdischen Mathematikern vgl. Steinschneider (1893, 1901, 1899 und 1905) sowie Steinschneider (1901/2001).Google Scholar
  5. 5.
    Steinschneider (1901/2001), S. 82–83.Google Scholar
  6. 6.
    Zum jüdischen Kalender vgl. Basnizki (1998). Ludwig Basnizki (1885–1957) war bis zu seiner Vertreibung Mathematik-Lehrer in Heidelberg. Ausgegrenzt aus seinem beruflichen Leben, verfasste er das Buch über den jüdischen Kalender, das noch 1938 in NS-Deutschland erschien. Ein Jahr später gelang ihm die rettende Flucht über die Schweiz nach Brasilien.Google Scholar
  7. 7.
    Steinschneider (1901/2001), S. 22.Google Scholar
  8. 10.
    Steinschneider (1901/2001), S. 32.Google Scholar
  9. 11.
    Die Halacha, das jüdische Religionsgesetz bzw. die religiösen Bestimmungen, ist angewandtes Recht und bestimmt die Verhaltensanforderungen des Judentums. Es besteht aus 613 Ge-und Verboten (365 Verbote und 248 Gebote). Vgl. De Vries (2001). S. Ph. De Vries, Rabbiner in Amsterdam, verfasste sein Werk in den 1920er Jahren (Teil 1 erschien 1927 und Teil 2 1932), im Frühjahr 1944 wurde er im KZ Bergen-Belsen ermordet.Google Scholar
  10. 13.
    Vgl. für das 18. Jh. den Streit zwischen Johann Caspar Lavater (1741–1801), einem Schweizer Pfarrer, der zunächst Moses Mendelssohn bewunderte, diesen dann aber 1770 öffentlich zum Übertritt aufforderte, was Moses Mendelssohn sehr verletzte. Zu dieser Auseinandersetzung, in der Mendelssohn u. a. von Gotthold Ephraim Lessing und Immanuel Kant unterstützt wurde, vgl. insbesondere Altmann (1973); vgl. auch Schulte (2002), Knobloch (1979). Die Auseinandersetzung erhielt breiteste Aufmerksamkeit und blieb über viele Jahre hinweg in der Öffentlichkeit präsent.Google Scholar
  11. 14.
    Steinschneider (1901/2001), S. 49.Google Scholar
  12. 15.
    Vgl. Dubnow (1920–1923), 3 Bände. Vgl. außerdem Elbogen (1930), die Festschrift für Simon Dubnow zu seinem 70. Geburtstag.Google Scholar
  13. 16.
    Vgl. Schlögel (1998), S. 218.Google Scholar
  14. 17.
    Vgl. Dubnow (1920–1923), Richarz (1974), Schuder (1989), Toury (1972) sowie Kalisch (1860).Google Scholar
  15. 18.
    Jacobson (1962), S. 16 (Einleitung). Dr. Jacob Jacobson (1888-1968) war Leiter des Gesamtarchivs der deutschen Juden und als Historiker maßgeblich an der Quellensammlung und-auswertung zur Geschichte der deutschen Juden beteiligt gewesen. Seine Publikationen nach 1945 waren nur möglich, weil seine Frau und sein Sohn die Arbeitsmaterialien ins britische Exil retteten. Er hatte das Ghetto/KZ Theresienstadt überlebt und war 1945 seiner Familie nach Großbritannien gefolgt. Am Leo Baeck Institute in London fand er eine intellektuelle Heimstätte.Google Scholar
  16. 19.
    Jacobson (1962), S. 45.Google Scholar
  17. 22.
    Vgl. den anonymen Beitrag „Probleme der Berufswahl“ im „Jüdischen Adressbuch“ von Berlin, 1931, S. 42–43.Google Scholar
  18. 23.
    Zu dieser Entwicklung vgl. Richarz (1974).Google Scholar
  19. 24.
    Vgl. hierzu Richarz (1974).Google Scholar
  20. 25.
    Zu den Angriffen auf jüdische Studenten in Universitätsstädten im August 1819 vgl. Richarz (1974), S. 111–112 und 119–120.Google Scholar
  21. 26.
    Vgl. Kalisch (1860), Richarz (1974).Google Scholar
  22. 27.
    Vgl. Kalisch (1860), S. 83; vgl. außerdem Jacobson (1962), S. 28–29.Google Scholar
  23. 28.
    Vgl. Kalisch (1860), Vota der preußischen Universitäten über die Zulassung jüdischer Lehrer nach dem Gesetz vom 23. Juli 1847, S. 81–232.Google Scholar
  24. 29.
    Vgl. Lenz (1918).Google Scholar
  25. 30.
    Jacobson (1962), S. 29. Bis 1847 hatten in verschiedenen Landesteilen Preußens unterschiedliche Ausschließungs-Bestimmungen für Juden gegolten, daher betonte Jacobson den Erfolg bezüglich einer einheitlichen Reglung. Das Gesetz war erlassen worden, obwohl die Voten der Universitäten eher gegen die Beteiligung jüdischer Wissenschaftler als gleichberechtigt sprachen. Zu den Voten vgl. Kalisch (1860), S. 81–232.Google Scholar
  26. 31.
    Jacobson (1962), S.29.Google Scholar
  27. 32.
    Vgl. die Tabelle in Richarz (1974), S. 208.Google Scholar
  28. 33.
    Vgl. Alfred Stern (1906), in: Richarz (1976), S. 404–416. Sein Sohn, der Historiker Alfred Stern (1846–1936) verfasste 1906 eine Biographie seines Vaters, eine Familiengeschichte, die in Zürich im Privatdruck erschien. Eine neue Monographie über Moritz Stern hat Schmitz (2006) vorgelegt.Google Scholar
  29. 34.
    Alfred Stern (1906/1976), S. 406.Google Scholar
  30. 35.
    Der erste jüdische Privatdozent, aber ohne Habilitation, an der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität wurde 1810 Nathan Jacob Friedlaender (1778–1830). Vgl. Lenz (1910), sehr arrogant und antisemitisch über Friedlaender und Remak, sowie Jacobson (1962), S. 44 und S. 81.Google Scholar
  31. 36.
    Vgl. Kalisch (1860), S. 21–27, der Remaks Fall als Dr. R. beschrieb.Google Scholar
  32. 37.
    Vgl. Kalisch (1860), S. 21–22 und S. 23, sowie (in englischer Übersetzung) Kisch (1954), S. 270–271.Google Scholar
  33. 38.
    Vgl. Pagel, Biographie Remaks, in: ADB, 1889, Bd. 28, S. 191–192.Google Scholar
  34. 39.
    Obwohl auch hier von Humboldt unterstützt, erhielt Robert Remak nicht die erforderliche Stimmenmehrheit, ohne dass exakte Gründe rekonstruierbar wären. Vgl. Archiv BBAW: Personalia OM, 1853–1861, II–III, 24, Bl. 38 und 48 sowie II-Vc, 114, Bl. 85.Google Scholar
  35. 40.
    Zu Robert Remak sen. vgl. Kisch (1954) und Schmiedebach (1995); zur Familie Remak vgl. Vogt (1998).Google Scholar
  36. 41.
    Zur Geschichte der Haskala vgl. Schulte (2002) und Feiner (2007).Google Scholar
  37. 42.
    Zur Biographie von Moses Mendelssohn vgl. Altmann (1973) sowie Knobloch (1979); zur Beschäftigung von Moses Mendelssohn mit Mathematik vgl. Lausch (1990, 1998). Die 1929 begonnene und seit 1978 fortgeführte „Jubiläumsausgabe“ der Schriften von Moses Mendelssohn steht kurz vor dem Abschluß (bisher 33 Bände).Google Scholar
  38. 43.
    Vgl. Jacobson (1962), Steinschneider (1995) und Figeac (2007).Google Scholar
  39. 44.
    Vgl. Kohut (1896), Festschrift für Steinschneider.Google Scholar
  40. 45.
    Anlässlich des 100. Todestages von Moritz Steinschneider fand in der Staatsbibliothek zu Berlin vom 20. bis 22.11.2007 ein Kolloquium „Bibliographie und Kulturtransfer“ statt. Vgl. die Ankündigungen in „Jüdische Allgemeine“, 16.11.2007 (AVIVA), und „Jüdische Zeitung“, Nov. 2007. Die Berliner Tagespresse zeigte die Veranstaltung weder an noch berichtete sie darüber. Die kleine Ausstellung „Moritz Steinschneider — Wissenschaftler und Begründer der hebräischen Bibliographie“ wurde intern angekündigt (Pressedienst der Staatsbibliothek) und war 4 Tage zugänglich (20.–24.11.2007). — So bringt man vergessene jüdische Gelehrte nicht in das Gedächtnis ihrer „deutschen Mitbürger“ zurück.Google Scholar
  41. 46.
    Vgl. die Tochter Marie Louise Steinschneider in Steinschneider (1995); das Deutsche Exilarchiv Frankfurt/M. bewahrt den Nachlass von Adolf Moritz Steinschneider.Google Scholar
  42. 47.
    Nathan Mendelssohn war auch im ersten Band des Poggendorff. Vgl. ausserdem Julius Löwenberg (1883).Google Scholar
  43. 48.
    Vgl. Lausch (1990), S. 89, Anm. 80.Google Scholar
  44. 49.
    Lea Salomon an G. Merkel, Berlin, 2.7.1799, zitiert in: Hensel (1995), S. 104 (S. 94–108).Google Scholar
  45. 50.
    Abraham Mendelssohn an Fanny M., Amsterdam, 5.4.1819, zitiert in: Hensel (1995), S. 118.Google Scholar
  46. 51.
    Abraham Mendelssohn an Tochter Fanny M., Paris, 1820, zitiert in: Hensel (1995), S. 120–121.Google Scholar
  47. 52.
    Vgl. Hannah Arendt. Ceterum Censeo... 26.12.1941. in Aufbau, wieder publiziert in: Arendt (2000), S. 29–35. Der Halbsatz, der zum Motto des Buches wurde, lautet „Vor Antisemitismus aber ist man nur noch auf dem Monde sicher;...“, in: Arendt (2000), S. 30.Google Scholar
  48. 53.
    Aus der Fülle der Literatur zur Geschichte des Antisemitismus seien hier besonders genannt: das erste Kapitel in Arendt (1955/1995) und Poliakov (1977–1988, 8 Bände) sowie Benz (2004), Bergmann (2004) und Volkov (2000).Google Scholar
  49. 54.
    Vgl. Bahr (1894).Google Scholar
  50. 55.
    Zum Antisemitismus in Kur-und Badeorten vgl. Bajohr (2003).Google Scholar
  51. 56.
    Vgl. z. B. die Erinnerungen der Kinder des Mathematikers Otto Toeplitz (1881–1940), Eva und Erich, Wohl (2004) und Toeplitz (1999), denen die Eltern genau diese Verhaltensregeln mitgaben.Google Scholar
  52. 57.
    Vgl. Barkai (2002).Google Scholar
  53. 58.
    Zur Geschichte jüdischer Studentenverbindungen und insbesondere des Kartells vgl. Asch (1964). Adolph Asch (1881–1972) hatte Jura studiert und gehörte selbst dem Kartell an. Der Rechtsanwalt konnte sich 1939 noch nach Großbritannien retten, wo er diese Erinnerungen verfasste.Google Scholar
  54. 59.
    Vgl. Richarz (1974) und Asch (1964), S. 15ff.Google Scholar
  55. 60.
    Vgl. die Dokumentation, herausgegeben von Boehlich (1988).Google Scholar
  56. 61.
    Asch (1964), S. 9. Der K.C. war das 1896 gegründete Kartell-Convent Jüdischer Verbindungen. Adolf Stoecker (1835–1909) war ab 1874 Hofprediger in Berlin und einer der berüchtigsten Verfechter des Antisemitismus zwischen 1878 und 1900. Er hatte 1878 in Berlin die Christlich-Soziale Arbeiterpartei (ab 1881 Christlich-Soziale Partei) gegründet, die gegen die SPD und gegen „die Juden“ öffentlich auftrat. Hinzu kam die 1879 in Berlin gegründete Antisemitenliga, die der rassistische Publizist Wilhelm Marr (1819–1904) initiiert hatte, die erst ab 1890 weniger Zulauf fand. Vgl. Scheil (1999).Google Scholar
  57. 62.
    Zur Berliner Mathematik vgl. Biermann (1988) und Begehr (1998).Google Scholar
  58. 63.
    Zum Antisemitismus in der Weimarer Republik vgl. Benz (1998) und Walter (1999).Google Scholar
  59. 64.
    Vgl. Felix Klein an Otto Toeplitz, 8.2.1920, teilweise zitiert in: Toeplitz (1999), S. 140.Google Scholar
  60. 65.
    Felix Klein, in: ebenda. 66 Edmund Landau an Otto Toeplitz, Frühjahr 1920, in: Toeplitz (1999), S. 141.Google Scholar
  61. 67.
    Vgl. Mehrtens (2004).Google Scholar
  62. 68.
    Vgl. Bieberbach (1934, 1940) und Vogel (1939).Google Scholar

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