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Bosnien-Herzegowina – die EU-Politik in der Sackgasse

  • Egbert Jahn
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Zusammenfassung

Bosnien-Herzegowina ist heute das einzige Land in Europa, sieht man von der rußländischen Teilrepublik Dagestan ab, das keine ethnische Mehrheit hat, sondern nur aus ethnischen Minderheiten besteht, vor allem aus den muslimischen Bosnjaken (1991: 43,7 %), den christlich-orthodoxen Serben (31,4 %) und den katholischen Kroaten (17,3 %). Man vermutet, daß der Anteil der Serben heute größer und der der Kroaten geringer ist als 1991, während der der Bosnjaken gleich geblieben ist.

Der Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina zwischen Bosnjaken und Kroaten einerseits und Serben andererseits, zeitweise aber auch zwischen Bosnjaken und Kroaten, hatte am Tag nach der internationalen Anerkennung Bosnien- Herzegowinas als unabhängiger Staat begonnen und vertiefte bzw. erzeugte zum Teil erst eine tiefe ethnonationale Kluft zwischen den drei Ethnien. Die USA erzwangen eine Einigung zwischen Bosnjaken und Kroaten und dann nach einem Interventionskrieg der NATO auch mit den Serben zur Neubegründung des Staates im Friedensvertrag als asymmetrische, gestaffelte Föderation, erst unter dem faktischen Protektorat der VN, NATO und seit Dezember 2004 der EU. Bislang ist aber kein den Staat tragendes bosnisches Nationalbewußtsein entstanden; partikulares Nationalbewußtsein dominiert weiterhin und scheint sich eher zu konsolidieren. Es wird ermuntert durch die internationale Anerkennung Montenegros und dann vor allem auch Kosovos als unabhängige Staaten. Die EU glaubte lange, durch zentralistische Verfassungsreformen die Einheit des Staates und des Nationalbewußtseins stärken zu können, steht aber heute wohl vor einem Scherbenhaufen ihres offensichtlich fehlgeschlagenen Konzepts einer polyethnischen Nation Bosnien-Herzegowina, die wieder auseinanderzufallen droht, sobald das militärisch-administrative Protektorat der EU endet. Die Aussichten auf eine ökonomische und politische Integration des Landes in die EU haben bislang die nationale Einheit des Landes nicht wesentlich fördern können, sind auch in der Finanz- und Wirtschaftskrise der Gegenwart nicht besonders attraktiv.

Da eine friedliche Teilung des Landes aufgrund der noch immer komplizierten ethnischen Siedlungsstruktur kaum möglich ist, bleibt als Alternative zu einem kostspieligen Dauerprotektorat der EU oder zu einem neuen Bürgerkrieg nach einem Rückzug der EU-Truppen nur die Erneuerung ernsthafter Anstrengungen für eine föderalistische bis konföderalistische Neuordnung des Landes, die die Tatsache eines starken ethnonationalen Bewußtseins in der Bevölkerung akzeptiert, durch die wichtigsten politischen Akteure des Landes selbst, nicht durch ein Oktroi der VN und der EU, aber wohl mit ihrer tatkräftigen politischen, zivilgesellschaftlichen und ökonomischen Förderung.

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© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012

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  • Egbert Jahn

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