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Die han-chinesische Ethnonationalisierung Chinas (Tibets, Sinkiangs)

  • Egbert Jahn
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Zusammenfassung

Vor den Olympischen Spielen in Peking im August 2008 stand die Frage des Umgangs der Kommunistischen Partei Chinas mit den Tibetern zeitweise im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit, nachdem am 49. Jahrestag des Aufstands in Tibet von 1959 erneut gewaltsame Unruhen in den tibetisch besiedelten Gebieten der Volksrepublik China ausgebrochen waren. Sie wurden mit unnachsichtiger Gewalt unterdrückt. Auch die harte Form der Unterdrückung wiederholter Demonstrationen und gewaltsamer Unruhen von Uiguren in Sinkiang im Juli 2009 und erneut im Juli 2011 ruft immer wieder Fragen nach der Menschenrechtssituation in den von Minderheitsethnien in China bewohnten Gebieten hervor.

Die Volksrepublik China versteht sich als multinationaler Staat, der seinen 55 offiziell anerkannten Minderheitsethnien oder -nationalitäten zahlreiche sprachlich-kulturellen Rechte zubilligt und zahlreiche autonome Regionen, Bezirke, Kreise und Gemeinden nach sowjetischem Vorbild eingerichtet hat. Den Minderheitsethnien kommt trotz ihres geringen Anteils an der Bevölkerung Chinas infolge der Randlage und Größe ihrer Siedlungsgebiete und deren Reichtums an Bodenschätzen eine große ökonomische und sicherheitspolitische Bedeutung zu. Bereits seit Jahrzehnten ist eine teils naturwüchsige, teils beabsichtigte sprachlich-kulturelle Assimilation der Minderheitsethnien sowie eine hanchinesische Zuwanderung in den Randgebieten im Gange. Die ökonomische Erschließung der Bodenschätze und der Bau einer Eisenbahn von Qinghai nach Lhasa beschleunigen diesen Prozeß.

China steht vor der Frage, ob es diesen Han-Sinisierungsprozeß vorantreiben soll mit dem Ziel, überall im Land eine national loyale, han-chinesische Bevölkerungsmehrheit herzustellen. Damit provoziert es aber verstärkten Widerstand vor allem der muslimischen Uiguren und der buddhistischen Tibeter und begünstigt dadurch die Stabilisierung diktatorischer Herrschaftsformen. Eine Alternative hierzu wäre die Gewährung tatsächlicher Autonomie mit dem Ziel, ein landesweites, polyethnisches Nationalbewußtsein zu fördern, das China bei einer Systemkrise nicht dem Staatszerfall unterwerfen würde wie 1991/92 die Sowjetunion und Jugoslawien. Demokratisierung Chinas müßte damit nicht die Auflösung des Staates zur Folge haben wie dies im Falle der europäischen multinationalen Staaten geschah.

Vorerst gibt es kaum Anzeichen, weder auf seiten der Han-Chinesen noch auf der der Uiguren und Tibeter, und auch nicht auf seiten der Kommunistischen Partei und in der Demokratiebewegung, China etwa nach dem Vorbild Indiens oder Spaniens zu reorganisieren, so daß das Land immer mehr die Züge eines hybriden Ethnonationalstaats annimmt.

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  • Egbert Jahn

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