Advertisement

Familiale Transmission sozialer Ungleichheit in der zweiten Lebenshälfte

Erbschaften und Vermögensungleichheit
  • Claudia Vogel
  • Harald Künemund
  • Martin Kohli
Chapter

Zusammenfassung

Soziale Ungleichheit wird auf vielfältige Weise von den Eltern auf ihre Kinder übertragen. Ein großer Teil wird frühzeitig über die unmittelbare Umwelt mit in die Wiege gelegt und danach im Bildungssystem verfestigt. Schichtungs-, Mobilitäts-, Bildungs- und Sozialisationsforschung haben das Ausmaß dieser biographisch „frühen“ Vererbung sozialer Ungleichheit hinreichend belegt, die trotz aller Betonung von Chancengleichheit, Eigenleistung und Individualität nach wie vor durchschlägt. Dass auch eine biographisch spätere Transmission sozialer Ungleichheit möglich ist, hat in der Ungleichheits- und Mobilitätsforschung dagegen wenig Berücksichtigung gefunden (vgl. Kohli et al. 2009). Dabei ist die familiale intergenerationale Transmission sozialer Ungleichheit erst abgeschlossen, wenn die Elterngeneration verstorben und ggf. deren Nachlass geregelt ist: „ … resource transfers – and by this, transfers of inequality – do not stop at the end of young adulthood but continue throughout the whole joint life course of the two generations (and even beyond). In the later phases of this generational ‚convoy‘, the resource flow shifts from human capital transfers (or financial assistance for accumulating human capital) to financial transfers“ (Kohli et al. 2009: 494f.). Von besonderem Interesse ist die Frage, in welcher Weise Erbschaften die sozialen Ungleichheiten verändern. Bislang vorliegende Studien ziehen ihre Schlussfolgerungen hierzu meist aus Querschnitterhebungen, obgleich die Prüfung einer Veränderungshypothese Längsschnittdaten voraussetzt. Diese Frage greifen wir an dieser Stelle auf: Wir betrachten die Wirkungen der Erbschaften auf die Vermögensausstattung der Erbenden im Längsschnitt. Im Anschluss an eine Übersicht zum rechtlichen Hintergrund für die Bundesrepublik Deutschland (Abschnitt 2) und einer Literaturübersicht zu den vorliegenden Befunden (Abschnitt 3) wird die Datenbasis unserer aktuellen empirischen Analysen – das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) – vorgestellt, die erstmals auch eine Längsschnittuntersuchung der Vermögensbestände von Erbenhaushalten ermöglicht (Abschnitt 4). In Abschnitt 5 werden unsere empirischen Befunde zum Erbschafts- und Schenkungsgeschehen sowie zur Vermögensentwicklung der Erbenhaushalte zwischen 2002 und 2007 präsentiert. Zudem wird das Verhältnis der Erbschaften zu den Vermögensbeständen in den Blick genommen. In Abschnitt 6 werden die Ergebnisse diskutiert und weiterer Forschungsbedarf benannt.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. BBE Retail Experts. Hrsg. 2009. Branchenreport Erbschaften. Köln: BBE Retail Experts.Google Scholar
  2. Blome, Agnes, Wolfgang Keck, und Jens Alber. 2008. Generationenbeziehungen im Wohlfahrtsstaat. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.Google Scholar
  3. Braun, Rainer, Florian Burger, Meinhard Miegel, Ulrich Pfeiffer, und Karsten Schulte. 2002. Erben in Deutschland – Volumen, Psychologie und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Köln: Deutsches Institut für Altersvorsorge.Google Scholar
  4. Bundesministerium der Finanzen. 2009. Bundeshaushalt 2010 und Finanzplan bis 2013 – Finanz- und Wirtschaftskrise überwinden, finanzpolitische Spielräume zurückgewinnen. Pressemitteilung 26/2009. Berlin: Bundesministerium der Finanzen, 24.06. 2009.Google Scholar
  5. Ette, Andreas, Kerstin Ruckdeschel, und Rainer Unger. 2010. Potenziale intergenerationaler Beziehungen: Chancen und Herausforderungen für die Gestaltung des demographischen Wandels. In Potenziale intergenerationaler Beziehungen, Hrsg. Dies., 9–36.Würzburg: Ergon.Google Scholar
  6. Frick, Joachim R., Markus M. Grabka, und Jan Marcus. 2007. Editing and multiple imputation of item-non-response in the 2002 wealth module of the German Socio-Economic Panel (SOEP). Data Documentation 18. Berlin: DIW Berlin.Google Scholar
  7. Kohli, Martin. 1999. Private and public transfers between generations: Linking the family and the state. European Societies 1:81–104.Google Scholar
  8. Kohli, Martin. 2004. Intergenerational transfers and inheritance: A comparative view. In Intergenerational relations across time and place, Hrsg. Merril Silverstein, Roseann Giarrusso, und Vern L. Bengtson, 266–289. New York: Springer.Google Scholar
  9. Kohli, Martin, und Harald Künemund. Hrsg. 2000. Die zweite Lebenshälfte – Gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Survey. Opladen: Leske + Budrich.Google Scholar
  10. Kohli, Martin, Harald Künemund, Andreas Motel, und Marc Szydlik. 2000. Generationenbeziehungen. In Die zweite Lebenshälfte – Gesellschaftliche Lage und Partizipation im Spiegel des Alters-Survey, Hrsg. Martin Kohli und Harald Künemund, 176–211: Opladen: Leske + Budrich.Google Scholar
  11. Kohli, Martin, Harald Künemund, und Jörg Lüdicke. 2009. What transfers from parents contribute to the economic well-being of adult children. In Wohlfahrtsstaatlichkeit in entwickelten Demokratien: Herausforderungen, Reformen und Perspektiven, Hrsg. Herbert Obinger und Elmar Rieger, 493–516. Frankfurt: Campus.Google Scholar
  12. Kohli, Martin, Harald Künemund, Andrea Schäfer, Jürgen Schupp, und Claudia Vogel. 2006. Erbschaften und ihr Einfluss auf die Vermögensverteilung. Vierteljahreshefte für Wirtschaftsforschung 75:58–76.CrossRefGoogle Scholar
  13. Kohli, Martin, Harald Künemund, Claudia Vogel, Markus Gilles, Jan Paul Heisig, Jürgen Schupp, Andrea Schäfer, und Romy Hilbrich. 2005. Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen Erbschaften und Vermögensverteilung. Bonn: Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung.Google Scholar
  14. Künemund, Harald, Jörg Lüdicke, und Claudia Vogel. 2006. Gießkanne oder Matthäus? Muster des Erbens und ihre Konsequenzen für die soziale Ungleichheit. In Soziale Ungleichheit - Kulturelle Unterschiede. Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München 2004, Hrsg. Karl-Siegbert Rehberg, 3820–3830. Frankfurt: Campus.Google Scholar
  15. Künemund, Harald, Andreas Motel-Klingebiel, und Martin Kohli. 2005. Do intergenerational transfers from elderly parents increase social inequality among their middle-aged children? Evidence from the German Aging Survey. Journal of Gerontology: Social Sciences, 60B:S30–S36.CrossRefGoogle Scholar
  16. Künemund, Harald, und Claudia Vogel. 2008. Erbschaften und ihre Konsequenzen für die soziale Ungleichheit. In Soziale Ungleichheiten und kulturelle Unterschiede in Lebenslauf und Alter - Fakten, Prognosen und Visionen, Hrsg. Harald Künemund und Klaus R. Schroeter, 221–231. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.CrossRefGoogle Scholar
  17. Lauterbach, Wolfgang, und Kurt Lüscher. 1996. Erben und die Verbundenheit der Lebensverläufe von Familienmitgliedern. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 48:66–95.Google Scholar
  18. Leopold, Thomas, und Thorsten Schneider. 2010. Schenkungen und Erbschaften im Lebenslauf. Vergleichende Längsschnittanalysen zu intergenerationalen Transfers. Zeitschrift für Soziologie 39:258–280.Google Scholar
  19. Schlomann, Heinrich. 1992. Vermögensverteilung und private Altersvorsorge. Frankfurt: Campus.Google Scholar
  20. Schupp, Jürgen. 2009. 25 Jahre Sozio-oekonomisches Panel – Ein Infrastrukturprojekt der empirischen Sozial- und Wirtschaftsforschung in Deutschland. Zeitschrift für Soziologie 38:350–357.Google Scholar
  21. Schupp, Jürgen, und Marc Szydlik. 2004. Zukünftige Erbschaften – wachsende Ungleichheit. In Generation und Ungleichheit, Hrsg. Marc Szydlik, 243–264. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.Google Scholar
  22. Szydlik, Marc. 1999. Erben in der Bundesrepublik Deutschland – Zum Verhältnis von familialer Solidarität und sozialer Ungleichheit. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 51:80–104.Google Scholar
  23. Szydlik, Marc, und Jürgen Schupp. 2004. Wer erbt mehr? Erbschaften, Sozialstruktur und Alterssicherung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56:609–629.CrossRefGoogle Scholar
  24. Szydlik, Marc. 2009. Reich durch Schenkung und Erbschaft? In Reichtum und Vermögen: Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung, Hrsg. Thomas Druyen, Wolfgang Lauterbach und Matthias Grundmann, 135–145. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.Google Scholar
  25. Vogel, Claudia, Harald Künemund, und Uwe Fachinger. Hrsg. 2010. Die Relevanz von Erbschaften für die Alterssicherung. Berlin: Deutsche Rentenversicherung Bund.Google Scholar
  26. Westerheide, Peter. 2005. Auswirkungen von Erbschaften und Schenkungen auf die Vermögensbildung privater Personen und Haushalte. Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 225:459–481.Google Scholar
  27. Wolff, Edward N.. 2003. Impact of bequests on the distribution of wealth. In: Death and dollars: The role of gifts and bequests in America, Hrsg. Alicia H. Munnell und Annika Sundén, 345–388. Washington: Brookings.Google Scholar

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

Authors and Affiliations

  • Claudia Vogel
  • Harald Künemund
  • Martin Kohli

There are no affiliations available

Personalised recommendations