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Faschistischer Selbstbedienungsladen? Aneignungspraktiken der ‚Autonomen Nationalisten‘ in historischer und diskursanalytischer Perspektive

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Zusammenfassung

Ein verregneter Samstagnachmittag in Recklinghausen im November 2009. Auf einem Parkplatz hinter dem Hauptbahnhof formieren sich, eingerahmt von Polizeiketten, mehr als 500 Neonazis, vorwiegend aus dem Spektrum der ‚Autonomen Nationalisten‘, zu einem Aufmarsch. An der Spitze des Demonstrationszugs wird ein Transparent mit der Aufschrift „Nationaler Sozialismus“ entrollt. Dahinter nehmen AktivistInnen mit Fahnen Aufstellung, die ein mit einem Hammer gekreuztes Schwert zeigen – ein Symbol, das seit 1929 als Gaufeldzeichen der Hitlerjugend Verwendung fand. Fäuste schnellen in die Höhe, Parolen werden skandiert: „BRD heißt das System, morgen wird es untergehen!“. Immer wieder stimmen die ersten Reihen des Demonstrationszuges das Lied „Ein junges Volk steht auf“ an, das, wie auch das Motiv der mitgeführten Fahnen, aus dem Repertoire der HJ stammt. Gleichzeitig verteilen AktivistInnen an die wenigen Umstehenden und PassantInnen Flugblätter, die ein „Recht auf Zukunft!“ und ein „Leben selbstbestimmt nach unseren Vorstellungen“ fordern. Ferner ist den Pamphleten zu entnehmen, dass die Initiatoren der Demonstration für die „Befreiung aller deutschen Arbeiter“, die „Beseitigung der Kinderarmut“ und die „kompromisslose Unterstützung des deutschen Bauerntums“ eintreten wollen. Verknüpft sind diese Forderungen, die auch in einer Reihe von Redebeiträgen aufgegriffen werden, mit dem Bekenntnis zum völkischen Nationalismus und unverhohlen rassistischen Parolen, wie sie an diesem Nachtmittag beispielsweise Michael Schäfer, der Bundesvorsitzende der Jungen Nationaldemokraten unter grölenden Beifallsbekundungen der Demonstrationsteilnehmer ins Mikrophon schreit.

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