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Normativität pp 221-239 | Cite as

Normativität in der Praxistheorie Pierre Bourdieus

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Zusammenfassung

Bourdieus praxistheoretische Soziologie ist nicht normativ angelegt. Sie will die soziale Welt nicht bewerten, sondern soziale Praxisformen und Praktiken identifizieren und ihr regelmäßiges Zustandekommen erklären. Zu einer so ansetzenden Analyse sozialer Strukturen und Mechanismen vermeidet Bourdieu Substanzbegriffe, indem er eine relationale Begriffsbildung vornimmt, in der kein Ort für normative Bewertungen der sozialen Welt oder für normativ formulierte Ratschläge an die sozialen Akteure vorgesehen ist. Dennoch wird gerade Bourdieu wie kaum ein anderer Soziologe der Gegenwart in der öffentlichen Diskussion um die neuen Formen des Kapitalismus und der Weltwirtschaft immer wieder als mahnende Stimme zitiert und in seinen politischen Schriften hält sich Bourdieu zuweilen mit Be- und Abwertungen der gegenwärtigen Praxis insbesondere in der Ökonomie nicht zurück. Nach meiner hier vertretenen Auffassung müssen die politischen Stellungnahmen Bourdieus deutlich von seinen wissenschaftlichen Leistungen für die soziologische Erforschung der Gegenwartsgesellschaft getrennt werden, um auch den implizit normativen Gehalt der Soziologie Bourdieus theorieimmanent nachzeichnen zu können. Denn es ist offensichtlich, dass bereits Bourdieus Theorieanlage nicht ohne implizite Bewertungen des „wissenschaftlichen Feldes“ auskommt. Diese möchte ich in einem ersten Schritt zunächst freilegen (1.), um dann im zweiten Schritt die impliziten Bewertungen in der Bourdieuschen Wahl und Bearbeitung von Forschungsthemen aufzugreifen (2.). Im dritten Schritt wende ich mich den expliziten, von Bourdieu offen angesprochenen Bewertungen der sozialen Welt zu, die sich nicht nur in den politischen Schriften finden (3.). Im Resümee möchte ich Bourdieus Theorie dann meinerseits kurz bewerten (4.).

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Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für SoziologieUniversität MünsterMünster

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